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Montagmorgen

Sieg über den Blechpimmel

Das Automobil gilt gemeinhin als das schnellste Beförderungsmittel. Vor allem solche Zeitgenossen, die mit 200 PS und mehr unter der Motorhaube durch die Stadt fahren, hängen diesem Irrglauben an. Sie stehen zwar hier in Berlin meist im Stau oder schleichen notgedrungen mit Tempo 20 hinter dem Müllwagen her, aber sie sind sich dennoch sicher, das modernste und schnellste Fortbewegungsmittel zu steuern. Das merkt man daran, dass sie manchmal hupen, wenn sie glauben, damit die Mitarbeiter der Berliner Stadtreinigung beeindrucken zu können oder sich bemüßigt fühlen, mitten in der Kolonne ein umständliches Wendemanöver zu starten - nur um zwei Minuten später in der nächsten Seitenstraße wieder hinterm Mülllaster zu stehen.

Mehrfach in der Woche so zwischen 6.30 und 7.30 Uhr spielt sich dieses Ritual vor unserem Schlafzimmerfenster ab; eine Kolonne von motorbrummenden Blechkarossen bewegt sich zentimeterweise vorwärts. Sie wollten den Stau vor der Roten Ampel Richtung Boxhagener Straße vermeiden - und müssen nun die Berliner Luft atmen, die die BSR-Müllwagen hinter sich verströmen.

Gut, denke ich mir, Strafe muss sein - und gehe auf dem Weg zum Bäcker betont langsam über die Straße. Manchmal, wenn es eine größere Lücke in der Kolonne gibt und ein SUV Geschwindigkeit aufnimmt, um die Lücke schnell wieder zu schließen, bleibe ich mitten auf der Straße stehen, um noch mal meine Brötchen durchzuzählen, mich am Kopf zu kratzen oder den Fahrer grenzdebil anzustarren.

Eine gute Freundin von mir, die leider nicht mehr lebt (nein, es war kein Autounfall, es war tragischer), hatte für solche Fahrzeuge einen, wie ich finde, passenden Begriff: Blechpimmel. Sie nahm auch nie ein Blatt vor den Mund, wenn sie auf den Besitzer eines solchen blechernen Geschlechtsteils traf, was meist zu lustigen Szenen führte; statt vor Wut zu schäumen, blickten die so Gescholtenen betroffen zu Boden und mussten hernach den Spott ihrer weiblichen Begleitung über sich ergehen lassen.

Die leider zu früh Verstorbene fuhr allerdings auch selbst Auto. Radfahren war ihr zu uncool. Sie wohnte halt nicht in Berlin. Hier ist das Fahrrad definitiv das coolste Fortbewegungsmittel - und das schnellste. Beleg gefällig? Bitte sehr. Vor längerem schon vermeldete die Berliner Polizei, dass Kollegen einen flüchtenden Autofahrer in Moabit gestellt hätten. Den Beamten sei ein Mercedes (der Supercock unter den Blechpimmeln!) mit entstempeltem Nummernschild sowie ausgelaufener TÜV-Plakette aufgefallen. Die Aufforderung, anzuhalten, habe der Fahrer ignoriert. Stattdessen habe er das Gaspedal durchgetreten. Die beiden Polizisten hätten sich daraufhin auf ihre Dienstfahrräder geschwungen und die Verfolgung aufgenommen; schließlich sei es den radelnden Cops gelungen, den Flüchtenden zu stellen.

Dieser Sieg gegen das Auto muss gefeiert werden. Am besten morgens gegen sieben Uhr mit einer Einmann-Fahrradrundfahrt - immer und immer wieder an den schwitzenden, fluchenden Autofahrern vorbei, die hinter dem Müllwagen warten müssen.

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Die skurrilsten Begebenheiten tragen sich an Orten zu, wo die Hauptstadt gar nicht so hauptstädtisch ist: die Kreuzung, der Supermarkt, der Hinterhof. Immer montags lesen Sie hier eine Geschichte, von der wir meinen, dass sie nicht verlorengehen sollte.

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