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Pflugscharen zu Schwertern!

Tobias Kratzer inszenierte Jean-Philippe Rameaus «Zoroastre» an der Komischen Oper Berlin, Dirigent: Christian Cornyn

  • Von Irene Constantin
  • Lesedauer: 3 Min.

Das Volk von Baktrien schweigt.« So lautet der letzte Satz der Inhaltsangabe für die Tragédie »Zoroastre« im Programmheft der Komischen Oper. Als das Volk von Baktrien noch sang - angsterfüllte Chöre, weil »ein Grollen die Luft erfüllte«, Chöre der Anbetung, Kampfchöre, Jubelchöre - tat es dies durch den Mund von Ameisen. Am Ende liegen sie platt im Sand - der Lieblingszustand von Ameisen für jeden Gartenbesitzer.

Dieser Live-Video-Blick in den Mikrokosmos ist nur eine der vielen witzig-wunderbaren Ideen von Regisseur Tobias Kratzer. Kratzer und sein Team brechen die hochmögend moralbeladene, göttliche Prinzipien bewegende barocke Zauberoper herunter auf einen Nachbarschaftskrieg im Häuschen-mit-Garten-Format. Auf der einen Seite adretter junger Herr in nettem Anwesen mit Rosen und Oleander, daneben das Horrorbild eines Nachbarn: Vor dem unfreundlichen Haus eine alte Badewanne, worin das Dosenbier kühlt, daneben ein alter Klappstuhl zum gemütlichen Genuss des Kaltgetränks. Auf dem Stuhl Baseballkappe, breitbeinige Jeans, Cowboystiefel. Außerdem noch Landnahme: ein neuer Zaun um die ursprünglich gemeinsame Vorgartenwiese.

Das Geniale an Kratzers Spiel mit dieser Konstellation ist, dass er und sein Team die frühen aufklärerischen Ideen Jean-Philippe Rameaus und des Textdichters Louis de Cahusac damit weder klein und lächerlich machen, noch gar im modischen Strom postmoderner Gegenaufklärung mitschwimmen. Das Licht und die Finsternis, die Unschuld und die Bosheit, das Recht und das Faustrecht kämpfen gegeneinander, und das Gute siegt am Ende. Nur das umkämpfte Volk, die Kleinen, die Ameisen eben, haben das Nachsehen, wenn die göttlichen Magier die Luft erzittern lassen. Wobei - zwischendurch profitieren sie auch. Euphorischer Ameisenjubel über Krümel von der Hochzeitstorte und einen Apfelgriebsch.

Nach der Hochzeit des »guten« Zauberers Zoroastre - hierzulande auch als Zarathustra oder Sarastro bekannt - mit der rechtmäßigen Thronerbin Amélite geht der Nachbarschaftskrieg erst richtig los. Der Gartenzaun wird zum Elektrozaun, Dahlien und Rosen mussten aufgetürmten Sandsäcken weichen, statt eines goldenen Wetterhahns ziert eine Kanone das Dach. Unterm Rasen ist eine rostige Raubtierfalle versteckt. Die Gegenpartei hat ihren Schuppen in einen Kerker verwandelt, die Gartenschaukel in einen Marterpfahl. Abramane, der Böse, hat sich mit Érinice verbündet, die Zoroastre vergeblich, und damit umso heftiger, liebt. Seinem Glück zuzusehen, hält sie nicht aus. Die Rache höchstpersönlich, dazu Furien und Stimmen aus der Unterwelt brechen über Zoroastre und die gefangen gehaltene Amélite herein, bis ein Blitz die Bösen trifft. Das göttliche Prinzip - hier in Gestalt des sportlichen Yogalehrers Oromasés - hat gesiegt.

Große Welt und kleine Welt, Blitz-und Donner-Aktion und Gewissensbefragungen (des Bösen!), Liebessäuseln und Racheschwur, Furienauftritt und Hochzeitstorte - alles, was Kratzer auf der Bühne genüsslich und genau spielen ließ, spiegelte sich im Orchester. Christian Cornyn ließ die Musiker der Komischen Oper im weit nach oben gefahrenen Graben spielen. Das schuf eine instrumentale Präsenz, die den Sängern alles Mögliche abforderte, nur keinen Alte-Musik-Ziergesang. Vor allem die Naturhörner verschafften den kämpfenden Zauberern gehörigen akustischen Rückenwind. Das Opernorchester spielte auch auf weiteren historischen Instrumenten durchaus perfekt.

Thomas Walker hatte mit der extrem hohen und expressiven Titelpartie den schwierigsten Part zu meistern, er schaffte es überzeugend, aber nicht ganz unangestrengt. Thomas Dolié, Abramane, hatte es als tiefer Bariton etwas komfortabler, vokal durchaus ebenbürtige Gegner. Da die bösen die interessanteren Figuren sind, sang Nadja Mchantaf als Érinice die weibliche Hauptpartie, liebesseufzend, hasslodernd, um Verzeihung bittend, alles war dabei, und zog die Zuhörer in ihren Bann. Amélite, die Gute, hatte zart zu sein, aber auch viel zu leiden. Dreimal entführt in einer Oper, Katherine Watson bewahrte sich auch dabei ihre vokale Lieblichkeit.

Allen hat‘s gefallen, das Publikum jubelte.

Nächste Vorstellungen: 24., 28. Juni

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