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Arbeit ist wichtiger als die Religion

Protestanten und Katholiken, Juden und Atheisten engagieren sich in der Flüchtlingshilfe

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

Einstmals fanden die französischen Hugenotten in Brandenburg Asyl, heute sind es syrische Muslime. Was sie verbindet? »Die Religion war und ist ein Faktor in ihrem Leben und sie gab und gibt Halt und Orientierung«, sagt am Mittwoch Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD). Er selbst ist evangelischer Konfession, allerdings kein fleißiger Kirchgänger - und er betont: »In unserer Gesellschaft gilt der Rechtsstaat. Religion steht nicht über den Gesetzen.«

Menschen aus ganz Brandenburg und aus Berlin sind zusammengekommen im historischen Kutschstallhof Am Neuen Markt 9a in Potsdam. Hier gibt es ein Dialogforum »Religionen und Weltanschauungen als Integrationsfaktoren«, wobei allerdings Susanne Krause-Hinrichs von der F.C. Flick-Stiftung die Sache zurechtrückt, indem sie eine Studie zitiert, wonach Arbeit und Bildung viel entscheidender für die Integration seien als die Religion. Ministerpräsident Woidke bemerkt bei der Veranstaltung zufrieden: »Juden sitzen mit Muslimen zusammen, dazu Protestanten mit Katholiken.«

»Es ist wichtiger, miteinander zu reden als übereinander«, findet Ud Joffe, Vorsitzender der Synagogengemeinde Potsdam. Das Wort Integration komme aus dem Lateinischen und bedeute Erneuerung, erklärt Joffe. Durch die Zuwanderung werde sich Deutschland verändern, ist seine Überzeugung. Er beruhigt die Muslime und alle anderen, sie sollten nicht ungeduldig sein. Die Integration werde lange dauern und sie müsse und solle keineswegs heißen, dass die Zuwanderer alle kulturellen und religiösen Eigenheiten aufgeben.

Musa Jakout vom Verein der Muslime in Potsdam kann von sich selbst gar nicht sagen, ob er integriert ist. Im Alter von sechs Monaten gelangte er nach Deutschland und wuchs hier auf. »Etwas anderes kenne ich nicht«, erzählt er. Aber er sehe nun einmal anders aus. Inzwischen komme es vor, dass ihn alte Freunde auf der Straße anhalten und fragen, ob er eine Bombe bei sich trage. Die muslimische Gemeinschaft in Potsdam sei früher sehr klein gewesen, inzwischen würde sie eine große Moschee benötigen, um den vielen Glaubensbrüdern zu helfen. Sie aufzunehmen, »das ist auch für uns eine große Herausforderung«, gibt Jakout zu. »Man kann nicht ein halbes Kopftuch tragen, ein halber Muslim sein. Religion lässt sich nicht integrieren.«

Überrascht ist der Ministerpräsident inzwischen nicht mehr über die Hilfs- und Gesprächsbereitschaft aller großen Religionen im Bundesland. Er freut sich sehr über das Engagement. Dabei ist ihm bewusst, dass 80 Prozent der Brandenburger nicht religiös gebunden sind.

Nicht zuletzt haben auch Atheisten die Flüchtlinge willkommen geheißen - und dabei nicht etwa nur den Atheisten unter die Arme gegriffen, die in ihrer Heimat wegen ihrer quasi gottlosen Weltanschauung verfolgt werden. Sein Humanistischer Verband könne auch religiösen Menschen ein Angebot machen, betont Thomas Heinrichs. »Unsere Gesellschaft ist nicht religiös, sondern humanistisch fundiert.« Die Menschenrechte seien nicht christlichen Ursprungs und könnten deshalb von Menschen jeder Religion akzeptiert werden. Der absolute Wahrheitsanspruch der Religionen habe jedoch »Desorientierungscharakter«, rügt Heinrichs. Es gebe leider nach wie vor keine völlige Gleichberechtigung in Deutschland, denn »die Kirchen sind immer noch privilegiert, der Islam ist nicht akzeptiert«. Rund 35 000 Flüchtlinge leben gegenwärtig in Brandenburg. Die Hälfte von ihnen sind Syrer und stammen damit aus einem Staat, in dem 75 Prozent der Bevölkerung Muslime sind. Ein Fünftel der Asylbewerber kommt aus Afghanistan, wo der muslimische Bevölkerungsanteil sogar 99 Prozent beträgt. Dann sind da noch die Iraner, Iraker, Libanesen und Tschetschenen, so dass der Islam nun wohl zu Brandenburg gehört.

Doch das bereitet einigen alteingesessenen Einwohnern Sorge. »Ich bekomme täglich Briefe von Menschen, die Angst haben, dass der Islam für sie gefährlich sei«, berichtet der evangelische Bischof Markus Dröge. Der Bischof trifft aber auch Christen, Muslime und Jesiden, die verzweifelt ihre Heimat verlassen haben und doch die tiefe religiöse Überzeugung hegten, dass Gott für sie einen Platz auf der Welt habe, wo sie von Krieg und Terror verschont sind.

Nicht jede Religion und Weltanschauung fördere die Integration und die Menschlichkeit, beklagt der katholische Erzbischof Heiner Koch. »Da brauche ich nur in die Geschichte der katholischen Kirche zu schauen«, räumt er bereitwillig ein.

Ministerpräsident Woidke hat in den zurückliegenden zwei Jahren erlebt, wie Rassisten den Islam zum Vorwand für ihre generelle Fremdenfeindlichkeit nahmen und nicht erkennen wollten, dass alle großen Religionen auch Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit predigen. Diese Rassisten wollen, so glaubt Woidke, nicht den Unterschied erkennen zwischen dem Islam und dem Missbrauch des Islam für fanatische Taten. Der Ministerpräsident hat mit Wohlwollen registriert, wie sich Muslime vom Terror distanzierten. Er bedauert zugleich, dass sich nicht mehr Muslime an dem islamischen Friedensmarsch am Wochenende in Köln beteiligt und so ihre Position klargemacht haben. Statt der optimistisch erwarteten 10 000 Menschen waren nach Angaben der Veranstalter nur 3000 erschienen.

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