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Mit Peter Pan wieder das Sprechen gelernt

Im Kino: Der Dokumentarfilm »Life, Animated« über Autismus

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 3 Min.

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Familie Suskind kennt die Dialoge aller Disney-Filme auswendig. Denn Owen Suskind, der jüngere Sohn von Ron und Cornelia und Bruder von Walter, erlebt, erfährt und begreift die Welt in erster Linie über Disney-Filme.

Und das kam so: Owen, ein molliger, dunkellockiger Wonneproppen, hörte mit drei Jahren plötzlich auf zu sprechen. Und wenn er sprach, war völlig unverständlich, was er sagte. Von diesem Tag trudelte seine Entwicklung rückwärts. Owen verlernte das Laufen, das Spielen, die Kommunikation mit seiner Familie. Ein Arzt diagnostizierte Autismus - und warnte: Das Sprechen, einmal verlernt, komme bei vielen dieser Kinder auch nie wieder. Die Suskinds verzweifelten an diesem Sohn, der plötzlich ein Fremder in ihrer Mitte war. Bis sie feststellten, dass Owen längst einen Weg gefunden hatte, Kontakt mit der Außenwelt aufzunehmen: Während die Komplexität der gelebten Realität ihn überforderte, fand er in den Disney-Filmen, die er mit seinem Bruder sah, ein geschlossenes, erklärliches, auch für ihn verständliches Universum. Eine Brücke, über die sich - mit viel Einsatz, Geduld und Mühe - ein relativ belastbarer Weg in den Alltag finden ließ. Fortan lernte Familie Suskind Disney-Dialoge. Sprach mit verstellten Stimmen und in Rollen mit Owen: Peter Pan zum Beispiel, der nicht erwachsen werden mag, ist eine Figur, mit der Owen sich identifizieren kann.

Ansonsten identifiziert sich Owen eher mit den Nebendarstellern; was wäre ein Disney-Film schon ohne die Nebenfiguren, die Helfer der Helden und komischen Gegenparts der Bösewichte? Jago ist so ein Liebling, der feuerrote Ara, Sidekick von »Aladdin«-Bösewicht Dschafar, ein anderer.

Ron Suskind, Journalist von Beruf, veröffentlichte 2014 ein Buch über die familiäre Erfahrung mit seinem autistischen Kind - und mit Disney. Filmemacher Roger Ross Williams, der 2010 gleich für seinen ersten dokumentarischen Kurzfilm (über eine körperbehinderte afrikanische Musikerin) einen Oscar gewonnen hatte - es war der erste Oscar, der an einen afroamerikanischen Regisseur ging - , dann in einem hochaktuellen abendfüllenden Dokumentarfilm vor den Umtrieben evangelikaler US-Christen in Ostafrika warnte (»God Loves Uganda«), nutzte Suskinds Buch als Grundlage für seinen Film.

»Life, Animated«, in diesem Jahr für den Dokumentarfilm-Oscar nominiert (der Preis ging stattdessen an einen Mehrteiler über O. J. Simpson), begleitet den mittlerweile erwachsenen Owen bei seinen ersten Schritten in eine möglichst vollständige Unabhängigkeit. Wo die Home Movies der Familie nicht ausreichen, um Owens Kindheit zu bebildern, treten Zeichentricksequenzen an ihre Stelle. Die sind moderner, fließender, süßlicher als die begleitenden Disney-Filmclips. (Es bedarf kaum der Erwähnung, dass Disney das Werbepotential des Films erkannte und ungewöhnlich großzügig war, wo es um Wiedergaberechte ging.)

Die Suskinds sind großartige Interview-Partner: artikuliert, fotogen und warm. Owens Entwicklung dank ihres Einsatzes (und dem eines ärztlichen und pädagogischen Netzwerks) ist tatsächlich erstaunlich. Denn natürlich kann so ein Film nur positive Stimmung verbreiten und von dauerhaften Erfolgen schwärmen - auch wenn Owen mit seinen Disney-Stimmen und dem mantraartigen Nachbeten der Selbsthilfe-Slogans, die seine Lehrer und Förderer ihm eintrichtern, auf die Dauer ein wenig ermüdend wirkt.

Dass trotzdem die Sorge bleibt, was mit Owen einmal werden wird, wenn seine Eltern nicht mehr da sind, um ihn zu versorgen, dass Owens Bruder Walter nicht nur während seiner Kindheit, sondern denn wohl sein ganzes Leben lang im Schlagschatten seines Bruders stehen wird, daran lässt Williams in stilleren Momenten immerhin auch keinen Zweifel.

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