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Nur ein Zittern verrät die Zweifel

Neoliberalismus reloaded: Das Hans-Otto-Theater Potsdam zeigt »Der Tod und das Mädchen« von Ariel Dorfman

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 4 Min.

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Es ist der erste Auftritt von Katrin Hauptmann am Hans-Otto-Theater in Potsdam, und schon der wird im Gedächtnis bleiben. Allein diese eine Szene, gleich nachdem sie als Paulina Salas den »Doktor« im eigenen Haus überwältigt und gefesselt hat: Fast schon zu lässig spaziert sie mit einer Knarre in der Hand zur kleinen Bar und genehmigt sich, den Gefangenen nicht aus den unruhigen Augen verlierend, einen Drink. Viel mehr Selbstgewissheit und Angst lassen sich schwer zur selben Zeit in dieselbe Person hineinfigurieren. Wütend redet sie auf ihn ein, als könne es überhaupt keinen Zweifel geben. Nur das Zittern in der Stimme verrät, dass sie sich ihrer Sache doch nicht so ganz sicher sein kann. Ist dieser Typ wirklich der, für den sie ihn hält?

»Der Tod und das Mädchen« von Ariel Dorfman, das hier in der Regie Christian von Treskows auf der Bühne zu sehen ist, wurde 1991 im Royal Court Theatre in London uraufgeführt und avancierte schnell zu einem Welterfolg. Dafür dürften nicht nur die eingängige Erzählweise und die auf einen Höhepunkt zulaufende Handlung ursächlich sein. Relevanz verleiht dem Stück vor allem die politische Dimension, denn es geht um die Folgen der bis heute kaum aufgeklärten Verbrechen während der Militärdiktatur in Chile.

Als dort am 11. September 1973 der demokratisch gewählte Präsident Salvador Allende »dank« massiver Hilfe von US-Konzernen und der CIA aus dem Amt geputscht wurde, saß Milton Friedman an der Universität Chicago und freute sich über den Gewinn eines Versuchslabors. Die Junta unter Augusto Pinochet sollte sich in dem südamerikanischen Land bis 1990 an der Macht halten. Das wirtschaftliche Leitbild stammte von Friedmans Schülern, einer sich selbst als »Chicago Boys« bezeichnenden Ökonomengruppe. Schulen, Universitäten, Sozialversicherung, Renten - alles wurde privatisiert. Der Neoliberalismus hatte eine Heimat gefunden. Weil sich der Reichtum bald bei wenigen konzentrierte und dennoch von einem »Aufschwung« die Rede war, erhielt Friedman 1976 den Wirtschaftsnobelpreis. Gleichzeitig stürzte das Programm des Ausgezeichneten viele Millionen Chilenen in bittere Armut. Wer gegen diese Art der Freiheit aufbegehrte, den beraubte das Regime seiner Freiheit.

Mord, Folter, Vergewaltigung - die Tyrannei von Gnaden der westlichen Wertegemeinschaft nutzte alle denkbaren Widerwärtigkeiten gegenüber Andersdenkenden. Zu denen zählt auch Paulina Salas. Ihr Ehemann Gerardo (Philipp Mauritz) ist Anwalt und versucht kurz nach der Rückkehr der Demokratie, die Verbrechen aufzuklären. Bei einer Reifenpanne lernt er den Arzt Roberto Miranda (Christoph Hohmann) kennen, der ihm hilft und dafür ins Salas-Haus eingeladen wird. Paulina glaubt, in diesem seltsam jovialen Mann ihren Peiniger von einst wiederzuerkennen. Als Mediziner während der Folterungen eingesetzt, sollte der mutmaßliche Täter darauf achten, dass die mit verbundenen Augen eingesperrten Gefangenen nicht sterben. Trotzdem ließ auch er sich von der Macht berauschen und misshandelte Paulina.

Gegen den Widerstand ihres Mannes hält Paulina Miranda in ihrem Haus fest. Ihr einziger Beweis: die Stimme des »Doktors«. Jetzt entwickelt sich das Kammerspiel zu einem in dem Paar sich spiegelnden Duell zwischen Vernunft und Emotion, dem Miranda untätig zusehen muss. Bei dem vor erregter Körperlichkeit sprühenden Spiel von Katrin Hauptmann bleibt Philipp Mauritz zwangsläufig nur die Rolle des blassen Bürokraten. Alles ist auf die Befindlichkeiten der Protagonistin zugeschnitten. Immer, wenn sich die Erkenntnis durchzusetzen droht, dass dieser im cremefarbenen Kleid zürnende Racheengel psychiatrische Hilfe braucht, da haut diese ergreifend widersprüchliche Paulina Salas eine Argumentationskette nach der anderen heraus, die einem jedes Mitleid mit dem Verdächtigen raubt.

Sogar das Bühnenbild kontrastiert diese Furie. Da weht ein weißer Vorhang im Wind, eine Schaukel lädt zum Träumen ein und auf eine Leinwand sind Meereswellen projiziert, die leise rauschend an die idyllische Küste branden. Wie zentral die Frauenfigur ist, das fällt vor allem bei der Umsetzung des Deals der Eheleute auf, nach dem Gerardo den hilflosen Pannenhelfer anwaltlich vertreten und ihm ein (Schein-) Geständnis abringen darf.

Selbst in diesen Momenten ist das Publikum geneigt, eher die in den oberen Zuschauerrängen ausharrende Paulina anzusehen, die das Geschehen mit übereinandergeschlagenen Beinen und knapp über dem Boden baumelnder Pistole stechenden Blickes begutachtet. Mit all dem kann es kein gutes Ende nehmen. Darauf verweist schon der Stücktitel, der ein schauriges Motiv aus dem 16. Jahrhundert aufgreift. Darin tritt der personifizierte Tod als Verführer einer jungen Frau auf. Ein Flirt mit dem Jenseitigen und der Wertlosigkeit bestimmten Lebens - und die Grundidee jenes Neoliberalismus, der in Chile ausprobiert wurde und heute weltweit das entscheidende ökonomische Paradigma ist. Freilich mit dem Unterschied, dass Verarmung und Dämonisierung alternativer Ideen sich mittlerweile meist in formaldemokratischen Verhältnissen ereignen.

Friedrich August von Hayek, den Milton Friedman bewunderte, stützte in den achtziger Jahren die in Chile brutal durchexerzierten Ideen so: »Gegen Überbevölkerung gibt es nur eine Bremse, nämlich dass sich nur die Völker erhalten und vermehren, die sich selbst ernähren können.« Wem dieser inhumane Utilitarismus bei »Der Tod und das Mädchen« präsent ist, der wird sich problemlos mit dieser famosen Paulina Salas identifizieren können.

Nächste Vorstellung: 24. Juni

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