Werbung

Warum schweigt ihr bei Schäuble, liebe Rollifahrer?

Man muss sich nicht für Dinge rechtfertigen, die andere getan haben

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 3 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Die Muslime und ihre Verbände haben sich also letzte Woche mal wieder nicht ausreichend vom Islamismus distanziert. Der Innenminister zeigte sich enttäuscht. Der Justizminister forderte indes eine klare Haltung. Die Leitmedien skandalisierten eifrig hinterher: Ja warum distanzieren sie sich denn nicht? Deutsche Christen haben sich nach der NSU-Geschichte doch auch distanziert. Gut, sie marschierten nicht auf Demos mit und hielten als Parole »Je ne suis pas Nazi!« in die Luft. Niemand ist schließlich ein Nazi, bis das Gegenteil bewiesen ist. Man muss sich außerdem nicht für Dinge rechtfertigen, die andere getan haben. Verursacherprinzip und so. Nein, sie zeigten schlicht Betroffenheit – so nennt man die Distanzierung in Fällen wie jenen. Viele blieben damals daheim, aber kein Minister verurteilte diese Stubenhocker.

Haben Sie sich, liebe Leserin, von der Bundeskanzlerin oder der britischen Premierministerin distanziert? Im deregulierten Land der Zweitgenannten verbrannten Menschen aus Sozialwohnungen, populistisch gesagt nur deswegen, weil sie arm waren. Distanzieren Sie sich, setzen Sie ein Zeichen! Und Sie, bester Leser? Trump, Bin Ladin ... Hitler? Damit ist doch alles gesagt, nicht wahr? Wer als Lesbe was auf sich hält, sollte Abstand zu Vera Int-Veen gewinnen. Die Frau führt traurige Singles und geistig behinderte Menschen vor. Haben sich eigentlich Bundeswehrsoldaten von dem Bundeswehrsoldaten distanziert, der sich zu Anschlagszwecken als Flüchtling verkleiden wollte? Jede Mutter von acht Kindern sollte sich außerdem mal überlegen, wie sie mit der Causa von der Leyen umgehen will. Die Frau mag den Krieg. Und Rollstuhlfahrer: Woher kommt eigentlich dieses verdächtige Schweigen zu Schäuble?

Ich hör die Leserschaft schon seit Mitte des letzten Absatzes dazwischenrufen, ich solle doch umgehend diesen hanebüchenen Unsinn beenden. Und ja, sie haben völlig recht. Denn jemanden zu unterstellen, er müsse sich distanzieren, das bedeutet ja zunächst mal, dass man voraussetzt, er stehe in unmittelbarer Nähe, sodass ein Raumgewinn überhaupt geometrisch machbar ist. Sich von jemanden zu distanzieren heißt immer, erstmal bei jemanden, an seiner Seite gestanden zu haben. Steht jemand schon meterweit weg, muss er sich nicht distanzieren, keinen Abstand gewinnen – das hat er ja schon.

Die kollektive Aufforderung zur Distanzierung trägt im Kern folgendes Motto: Mach das, was sollen sonst die anderen von dir denken. Das ist so provinziell. Das ist so Fünfziger. Die Rücksichtnahme darauf, was andere von einem denken könnten: Bei der Serie »Mad Men« haben wir über diesen Affekt im Vorstadtidyll den Kopf geschüttelt. Gut, dass wir da heute raus sind, hat man sich als Betrachter gedacht. Und dann schaffen Ministerien und Medienhäuser eine provinzielle Leitkultur aus den Fünfziger-, Sechzigerjahren heran und empfehlen den Muslimen im Lande, wie sie auftreten sollen, damit da bloß kein falscher Verdacht aufkommt.

Die Muslime im Lande sind sicherlich nicht geschlossen gestandene Antiterroristen. Sie gleichen da den Einheimischen, unter denen man nach brennenden Flüchtlingsheimen hie und da auch mal dem Verständnis lauschen konnte: Das sei zwar nicht richtig, dass man da was niederbrennt, sagen solche Zeitgenossen, aber es sind halt auch so viele Fremde im Land, man muss doch was machen. Auch einige Muslime werden so oder so ähnlich »argumentieren«. Die werden sich auf einer Anti-Demo sicher genauso wenig zeigen, wie ihr deutsches Pendant. Dabei wären sie die Adressaten solcher Aufforderungen.

Welche moralische Distanzierungspflicht gibt es allerdings für jemanden, der schon Raum zwischen sich und den Radikalen hat? Ist es nicht viel eher eine Beleidigung, eine Herabsetzung, auch ein xenophob motivierter Imperativ, der hier wirkt? So wie es eine unglaubliche Frechheit und Dummheit wäre, man würde Schäubles Sparwut zu einer psychischen Marotte von Rollstuhlfahrern erklären und ebenjene auffordern, sich dieser Problematik zu stellen, am besten als ersten Schritt damit, sich von Austeritäts-Schäuble zu distanzieren. Was sollen denn die anderen von euch denken, liebe Rollifahrer?

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen