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Rücküberweisungen der Migranten fördern Entwicklung

Mit dem Geld von Auswanderern wurden in einer Kleinstadt in Mali ein Gesundheitszentrum und ein Kindergarten gebaut

  • Von Bettina Rühl, Bamako
  • Lesedauer: 4 Min.

Koniakary floriert. Der quirlige Ort im äußersten Westen Malis hat ein Gesundheitszentrum, einen Kindergarten, Gemüsegärten mit Brunnen und ein kommunales Radio - zu großen Teilen finanziert von Emigranten. Dennoch liegt Bürgermeister Bassirou Bane nachts immer wieder wach. Die Bilder von überfüllten und kaum seetüchtigen Booten auf dem Mittelmeer rauben ihm den Schlaf. Jedes Mal sucht er in den Fernsehnachrichten die Gesichter der Flüchtenden nach Bekannten ab. Bislang war der 60-Jährige immer erleichtert, nur Fremde zu sehen. »Ich finde das schockierend, wie sich junge Menschen in diese Schlauchboote quetschen, ihr Leben riskieren.«

Koniakary gehört seit Generationen zu den Orten in Mali, aus denen besonders viele Menschen auf der Suche nach Arbeit ins Ausland gehen. Zunächst fuhren vor allem die Männer alljährlich als Saisonarbeiter in die Nachbarländer Senegal und Elfenbeinküste und kamen zur Regenzeit wieder zurück, um auf den eigenen Feldern zu helfen. Mit Beginn der Erdöl- und Mineralienförderung wurden auch zentralafrikanische Länder für die Arbeitssuchenden attraktiv. »Vor allem in Zentralafrika haben die Menschen aus unserer Gegend als Händler ein Vermögen verdient«, erzählt Bane, selbst ein erfolgreicher Händler, allerdings in Koniakary.

Von Europa habe damals kaum jemand geträumt, betont der Bürgermeister, der seit fast 30 Jahren die Geschicke der Gemeinde lenkt. Das Glück lag näher und war einfacher zu haben, ohne dass man mit einem Kulturschock bezahlen musste. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Nach Banes Schätzungen arbeiten von den rund 15 000 Bewohnern des Ortes 15 Prozent im Ausland, und von diesen nur fünf Prozent in Europa.

Dennoch sind die vielen Toten in der Sahara und im Mittelmeer Thema in Koniakary. »Nach jedem Bootsunglück hören wir die gleichen Sonntagsreden von Politikern, die solche Dramen angeblich stoppen wollen«, erregt sich Bane. »Aber von dem Geld, das Europa seit Monaten für diesen Zweck verspricht, sehen wir hier bisher nichts.« Das ärgert ihn, obwohl er kein Migrationsgegner ist. Natürlich müsse das Sterben beendet werden, aber insgesamt sei das eine komplexe Angelegenheit: »Für unsere Gemeinde und viele Familien wäre das Ende der Migration die reine Kata-strophe.«

Um zu zeigen, was er meint, lädt er zu einem Rundgang durch Koniakary ein. Bereits im Rathaus wird deutlich, wie die Bewohner ihre Geschicke seit den 70er Jahren in die Hand nahmen, enttäuscht von der jungen malischen Demokratie nach der Unabhängigkeit von Frankreich. Der Bau entstand als Außenstelle des Standesamtes, »weil wir es leid waren, für jedes Dokument stundenlang fahren zu müssen«. Und weil die Regierung keinerlei Anstalten machte, sich um die Anliegen ihrer Bürger zu kümmern. So nahmen die Dorfältesten Kontakt mit denjenigen auf, die ihr Geld im Ausland verdienten, und zwar damals noch ausschließlich in afrikanischen Ländern.

Es begann eine Entwicklungszusammenarbeit, die bis heute anhält: Die Migranten schicken das Geld, die Bevölkerung von Koniakary macht die Arbeit. So entstanden Gesundheitszentrum, Kindergarten, mehrere Markthallen, das kommunale Radio, Gemüsegärten und gemauerte Klassenräume. Während einige Bauten ausschließlich von den Ausgewanderten bezahlt wurden, überwiesen sie in anderen Fällen den Eigenbeitrag, den die Kommune leisten musste, um Geld von einer internationalen Hilfsorganisation oder bisweilen auch staatliche Fördermittel zu erhalten. Seit gut zehn Jahren spielt zudem Koniakarys französische Partnerstadt Villetaneuse eine wichtige Rolle. Jahr für Jahr realisiert der Ort nördlich von Paris gemeinsam mit der malischen Kleinstadt ein Projekt.

Hinzu kommt das Geld, das die Migranten aus allen Ländern individuell an ihre Familien schicken, für Grundnahrungsmittel, Schulgebühren, die medizinische Versorgung und alles, was sonst noch so anfällt. Bane selbst kommt allerdings ohne Unterstützung aus dem Ausland bestens klar: Schon sein Vater hat Koniakary nie verlassen und dennoch als Händler ein Vermögen verdient. Sein Geld und sein Talent hat er Bane vererbt, wohl auch zum Nutzen der Gemeinde. Dass ihr Bürgermeister zupackend und vorausschauend ist, dabei mit Geld offensichtlich gut umgehen kann, trägt zum relativen Wohlstand des Ortes sicherlich bei. Doch auch der Bürgermeister kennt seine Grenzen: »Ich kann mir nicht vorstellen, wo wir ohne diese Überweisungen stünden.« epd/nd

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