Wo die rohe Leber lächelt

Eine Ausstellung zeigt Fotos des Modefotografen Juergen Teller, die gar nicht so ungeschönt sind wie behauptet

Auf einem Monitor läuft eine knapp zehnminütige Filmszene: Wir sehen einen Mann mit Birkenstocksandalen, einer Wollmütze auf dem Kopf und einer »Kaufland«-Plastiktüte in der Hand unbeholfen durch Ausstellungsräume tapern. Unter seiner Wollmütze ragt eine Vokuhila-Frisur hervor. Der fränkischen Dialekt sprechende Tölpel, so signalisieren sein Aussehen und sein unbeschwertes Herumtapsen, befindet sich hier in einer für ihn eher fremdartigen Umgebung: in einer Kunstausstellung. Zuweilen bleibt er ratlos guckend vor einer Fotografie stehen, wertet diese dann als »Blödsinn« oder »Scheiß« ab und murmelt leicht verärgert Sätze wie: »Des is’ doch keine Kunscht!« Vor einem Foto, das das Model Claudia Schiffer mit verschmierter Schminke auf dem Gesicht, verstörtem Blick und halb gerauchter Zigarette in der Hand zeigt, bleibt der kopfschüttelnde Ausstellungsbesucher stehen und gibt seiner Verwunderung über derlei mangelhafte Herausgeputztheit Ausdruck: »Dass die sich so fotografieren lässt!« Auch vor dem Foto einer nackten Frau macht er Halt und fährt mit seinem Finger über deren Brüste und die sichtbaren Körperöffnungen.
Der Provinztrottel, »Dieter«, wie er sich nennt, ist tatsächlich Juergen Teller, also genau jener Fotograf, dessen Fotos »Dieter« so verärgern.

Hier, im Martin-Gropius-Bau, wird derzeit eine Auswahl von Tellers Fotos wie auch der geschilderte zehnminütige Film gezeigt. Teller ist kein Schauspieler, weswegen ihm seine Verkörperung des dumpfbackigen Ausstellungsbesuchers recht hölzern gerät. Das soll aber hier weiter keine Rolle spielen. Wichtig ist etwas anderes: Das Thema von Juergen Tellers Kunst ist Juergen Teller. So erfahren wir unter anderem, wo er aufgewachsen ist, in der tiefsten fränkischen Provinz nämlich, einem 5000-Einwohner-Kaff, das er 1986 als junger Mann verlassen hat, um nach London zu gehen, wo seine Fotografenkarriere begann. Wir sehen ihn auf Selbstporträts, die die Absicht der totalen Selbstinszenierung nicht verhehlen, sondern diese offen ausstellen: Teller, in albernen Posen, mit Pudelmütze, Turnschuhen, knallroter Skijacke und kurzen Hosen bekleidet, einen Nordic-Walking-Stock in der einen und einen Plastikrollkoffer in der anderen Hand, irgendwo in der Einöde herumstehend. Wir sehen die von ihm fotografierte Einladungskarte des Bundespräsidenten (»anschließend Empfang«), die ihn und eine Begleitung ins Schloss Bellevue bittet. Wir sehen Teller und seine Mutter (auch ein beliebtes lebendes Motiv des Fotografen) Arm in Arm mit Joachim Gauck. Wir sehen Tellers Mutter im Trainingsanzug in einer Art biederem deutschen Hobbykellerambiente der 80er Jahre stehend, ein mit dem Namen ihres Sohnes bedrucktes Schild vor ihren Oberkörper haltend.
Teller ist ein gefragter Werbe-, Pop- und Modefotograf. Er fotografiert für große Marken und hat sich selbst zu einer solchen gemacht. Auf einigen von Tellers Fotoserien sind immer wieder Personen zu sehen, die mit Tellern hantieren: nackte Musiker, die Gitarren umgeschnallt, in einem Sumpf posierend, Teller in die Höhe haltend. Oder die Fotos des Künstlers werden gleich auf Teller gedruckt, die dann in Vitrinen präsentiert werden. Dem Rundfunk Berlin-Brandenburg zufolge zeigt sich hier angeblich ein »feiner Humor, der in der ganzen Ausstellung spürbar ist«. Nun ja.

Wir sehen die Schauspielerin Charlotte Rampling, wie sie, auf allen Vieren, gemeinsam mit einem Fuchs aus einem auf dem Boden stehenden Teller Milch leckt. Oder junge nackte Frauen, mit Hula-Hoop-Reifen auf einer Marihuana-Plantage.

Es sind überwiegend Fotos, die mit ihren gern als »provokant«, kurios oder exhibitionistisch wahrgenommenen Sujets die Aufmerksamkeit des Betrachters erzwingen wollen. Auch deshalb sind auf Tellers Celebrity- und Reklamefotos stets Versatzstücke einer vermeintlich authentischen gesellschaftlichen Realität in die in seiner Branche sonst üblichen ganz und gar künstlichen Illusionswelten gemischt. In den Glamour mogelt sich gewissermaßen ein Schnipsel oder ein Motiv aus dem tristen Alltag und veredelt so das künstlerische Ergebnis. In der Mode- und Werbefotografie, einem gewaltigen Industriezweig, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, alles zu beschönigen und alles vermeintlich Imperfekte oder Unversöhnliche auszublenden oder umzucodieren, gilt derlei bereits als »provokativ«: ein Popstar in einer Umgebung, in der Landwirtschaft betrieben wird; ein Supermodel vor einer bürgerlichen Wohnzimmerschrankwand.

Die international bekannte Modezeitschrift »Vogue« will in dieser absichtsvoll leicht angeschmutzten, das Alltägliche oder Unperfekte sozusagen als Würze oder Bildornament einsetzenden Ästhetik eine Methode erkennen, die »gezielte Brüche mit den Sehgewohnheiten und Erwartungen des Betrachters« erzeugt. Tatsächlich handelt es sich um eine Masche, die Teller zu einem Markenzeichen seiner Fotos gemacht hat. Alles soll einigermaßen verrutscht wirken, wie aus seiner gewohnten Umgebung in eine fremdartige gefallen: lebende Frösche auf weißen Tellern, die Reality-TV-Tante Kim Kardashian in einer Baugrube und neben schmutzigen Baustellenfahrzeugen hampelnd.

Die »Vogue« nennt Tellers so arrangierte Fotos »ungeschönt« und »ehrlich«, was daran liegen könnte, dass man in der Redaktion der »Vogue« noch niemals ungeschönte, ehrliche Fotos gesehen hat.
In einem in die Ausstellung einführenden kurzen Text zum Werdegang des Fotografen ist zu lesen: »Tellers Kunst des Porträtierens kann ein Stück rohe Leber zum Lächeln und zerbrochenes Porzellan zum Bluten bringen.« Wie gesagt: Der Mann ist Werbefotograf. Er versteht was von seinem Geschäft.
Juergen Teller: »Enjoy Your Life!«

Die Fotoausstellung ist nur noch bis zum 3. Juli im Martin-Gropius-Bau zu sehen. Mittwoch bis Montag 10 – 19 Uhr.

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