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Fünf Cent pro Minute

Im Café Be’kech in Wedding zahlen die Besucher für die Zeit, die sie dort verbringen

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Es dauert einen Moment, um zu verstehen, was vor sich geht im Be’kech. »Fünf Cent pro Minute« steht auf dem Schild vor den neu eröffneten Räumen in der Exerzierstraße in Wedding. Hier, zwischen alteingesessenen Reisebüros und Spätis, geht es nicht um den günstigsten Handytarif oder die Minute für einen Internetzugang. Denn das Be’kech ist ein Café. Das Erste, in dem Besucher nicht für das bezahlen, was sie trinken oder essen, sondern für die Zeit, die sie hier verbringen. Einzig die Flaschengetränke kosten einen Euro.

Eröffnet hat das Café am 23. Juni. Eine knappe Woche später, am Mittwoch, gibt es zum ersten Mal Mittagessen. Hier und da wird noch etwas improvisiert. Tiefe Teller fehlen noch, Schalen tun’s auch. Die erste größere Gruppe Gäste ist schon da. »Eigentlich wollten wir nur kaltes Büffet anbieten«, sagt Louna Sbou, eine der beiden Betreiberinnen. »Aber die Nachbarn haben gefragt, ob wir nicht auch was Warmes machen. Auch wenn es natürlich kein Fünf-Gänge-Menü sein wird.« Es gibt Pasta mit Sahnesoße, wie von den Nachbarn gewünscht. Und es scheint ihnen zu schmecken. Nach dem Essen sind sie schnell wieder weg - schließlich ist Zeit hier Geld.

Wie das funktioniert? »Für uns beide war klar, dass wir damit nicht das große Geld machen«, sagt Sbou. Stattdessen möchten sie Menschen zusammenbringen, Treffpunkt sein, »soziales Experiment«. Und: Die Betreiberinnen sehen sich auch als Gegenpol zu den teuren »Hipster-Cafés« - jenen Sinnbildern von Gentrifizierung und Verdrängung, auf die erst Bio-Supermärkte und später Loftwohnungen folgen.

Be’kech steht für Berlin und Marrakesch, die Geburtsorte der Betreiberinnen. Die verstehen es als »Anti-Café«. Das »Anti« sei durchaus »konsumkritisch« und »antikapitalistisch« gemeint, so Sbou. Zwar gibt es hier auch den obligatorischen Latte macchiato mit Sojamilch, aber darüber hinaus ist das gastronomische Angebot eher spartanisch: kein Kuchen, normalerweise keine warmen Mahlzeiten. Was an Essen angeboten wird, ist vegetarisch und ökologisch.

Und eines wird beim Besuch des Be’kech deutlich: Mehr als ein Café zu sein, ist den Betreiberinnen ein persönliches Anliegen. Zum einen ist hier vieles selbst gemacht: Die Einrichtung ist zum Teil selbst gebaut, die Dekoration selbst gebastelt. Und natürlich wird selbst gekocht. Daneben bieten Sbou und ihre Ko-Betreiberin Nina Martin Konzerte und Lesungen an sowie Workshops, beispielsweise zu Themen wie »Die Rolle von Frauen im Musikgeschäft«. Nina Martin arbeitet beim Verein »share on bazaar«, eine Talentbörse für Geflüchtete und Alteingesessene. Die Teilnehmer lädt sie ein, vom Be’kech aus zu arbeiten.

Nicht zuletzt ist das Café auch ein Coworking-Space. Auf dem Flyer, der das Konzept des Cafés erklärt, steht: »Nichts ist so wertvoll wie die Zeit, die uns gegeben ist. Wir ermutigen euch, das Beste daraus zu machen.« Muss nun auch noch der Cafébesuch optimiert werden?

Doch obwohl die Besucher für die Zeit zahlen, die sie hier verbringen, kommen sie am Ende recht günstig weg: Pro Stunde zahlen sie drei Euro. Wer in der Zeit ein Mittagessen einnimmt und einen Kaffee trinkt, zahlt viel weniger als in anderen Cafés. So müssen die Besucher auch nicht sofort aufstehen, nachdem sie den letzten Krümel in den Mund geschoben haben - bei fünf Cent pro Minute wandert der Blick nicht ständig zur Uhr.

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