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Neue Wege ins Sperrgebiet

Auf Usedom in Mecklenburg-Vorpommern wird sich das V2-Gelände neu präsentieren

  • Von Martina Rathke, Peenemünde
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Norden der Insel Usedom ist ein wahres Naturrefugium, Forschungsobjekt für Historiker, Gedenkort, aber auch Pilgerort für Raumfahrtjünger. Unberührt vom Menschen gedeihen hier Biotope in Bombentrichtern, wachsen Bäume aus Beton. Hier hat sich Natur über Geschichte gelegt.

Seit 1936 die Nationalsozialisten um Peenemünde ihre NS-Waffenschmiede zur Entwicklung der V2-Waffen aus dem Boden stampften, ist das Areal Sperrgebiet. Mehr als 10 000 Menschen waren hier für die Entwicklung der »Vergeltungswaffen« tätig. In den Fertigungshallen wurden Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge zur Produktion gezwungen. Nach Kriegsende war in Peenemünde die Nationale Volksarmee stationiert. Mit der Wende übernahm die Bundeswehr den historisch vielschichtigen Ort, seit 2010 gehört das Areal der DBU Naturerbe.

Das mit vielen Mythen belastete Gebiet blieb gesperrt, Natur und Geschichte für Interessierte nahezu unzugänglich - vor allem weil das Areal noch immer hochgradig munitionsbelastet ist. Über Peenemünde wurden während der alliierten Luftangriffe Schätzungen zufolge knapp 11 000 Sprengbomben und rund 93 000 Brandbomben abgeworfen. Die Blindgängerquote wird auf 10 bis 15 Prozent geschätzt, wie der Leiter des Munitionsbergungsdienstes des Landes, Robert Mollitor sagt. Peenemünde gehört zu den Gebieten der höchsten Belastungskategorie 4. In diesen Gebieten stellt die Kampfmittelbelastung eine derartige Gefährdung dar, dass Experten die Notwendigkeit einer Beräumung sehen.

Nun will die DBU Naturerbe als Eigentümer der 2100 Hektar großen Flächen zusammen mit dem Historisch-Technischen Museum Korridore zu historisch spannenden Orten schaffen. Auf geführten Touren und mit qualitativ hochwertigen Informationen sollen Interessenten unter anderem zu den Ruinen des Prüfstandes VII, dem Startplatz der ersten V2-Rakete, oder dem Fundamentresten der sogenannten Waltherschleuder, Abschussplatz der V1, gelangen können. Bislang war ein beschränkter Zugang nur wenigen vorbehalten, die über den Museumsverein eine Führung buchten.

Bis zum Winter soll ein entsprechender Managementplan Naturschutz erarbeitet werden, der mit dem bereits bestehenden Managementplan für die Denkmallandschaft in Einklang gebracht werden soll, sagt der fachliche Leiter der DBU Naturerbe, Werner Wahmhoff. Notwendig sei dafür auch eine Überprüfung der Munitionsbelastung - und wenn notwendig eine Beräumung in diesen Korridoren. »Eine Munitionsbeseitigung im gesamten Areal ist aus Kostengründen nicht möglich«, so Wahmhoff. Das Vorgehen viel Sensibilität: In Peenemünde sind 137 Rote-Liste-Arten beheimatet.

»Peenemünde ist ein Denkmal mit vielen, auch extremen Konnotationen«, sagt der Professor und Denkmalexperte der TU Cottbus, Professor Leo Schmidt. So gebe es die Ex-trempositionen, Peenemünde nur als Naturlandschaft oder nur als Geschichtszeugnis zu sehen. Doch Schmidt plädiert für einen prozesshaften Blick auf die Historie: Spannend sei es doch, die Natur als Teil der Geschichte zu sehen, die die militärischen Zeugnisse überformt.

Die sensible Balance zwischen dem, was der Ort unterschiedlichen Menschen als Projektionsfläche bietet, sei dem Historisch-Technischen Museum bislang gut gelungen. Dass durch eine zaghafte Öffnung des Geländes der »Verherrlichungstourismus« überhand nehmen könnte, glaubt Schmidt nicht. Die Leute, die Peenemünde lediglich als Geburtsort der Raketentechnik glorifizierten, kämen jetzt bereits. Die Herausforderung bestehe darin, die Besucher richtig abzuholen und Fakten zu bieten statt Moral. dpa/nd

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