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Rot-Rot-Grün übt Schulterschluss zur Tegel-Schließung

Senat beschließt Positionspapier zum Volksentscheid - beim Vor-Ort-Termin in der Beuth-Hochschule Rückenstärkung für geplanten TXL-Campus

  • Von Tomas Morgenstern
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Beuth-Hochschule im Stadtteil Wedding ist so etwas wie die Verkörperung der Zukunft von Wissenschaft und Forschung in Berlin. Zugleich zeigt sich an der 1971 als Technische Fachhochschule gegründete Hochschule, wie drängend die Verbesserung der Rahmenbedingungen für Zukunftsthemen inzwischen ist. Konzipiert für 6500 Studierende, hat sich deren Zahl bis heute auf nahezu 12 000 verdoppelt. Hörsäle, Seminarräume und Labore sind bis an die Kapazitätsgrenzen ausgelastet, und der Bedarf an Studienplätzen wächst. Die Hochschule braucht Platz. Im Terminal A von Tegel will sie ihren »Campus TXL« einrichten - als Nukleus einer »Urban Tech Republic«.

Berlins Senatoren hatten sich am Dienstag unter dem Motto »Senat vor Ort« zu ihrer wöchentlichen Sitzung in der Beuth-Hochschule zusammengefunden. Bei einer Führung durch die Gebäude und Einrichtungen erfuhren sie: Rund 94 Prozent der Studierenden sind in den Zukunftsbereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik eingeschrieben. Doch für eine zeitgemäße Forschung und Lehre fehlt es am Standort Wedding an verfügbaren Flächen. Beim Blick vom Tower des Grashof-Hauses auf dem Campus zeigt Rektor Hans Gerber dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) den knappen Baugrund für den Neubau des »WAL« (Wedding Advanced Laboratories). »Das Gewächshaus daneben soll möglichst bald in das heutige Terminalgebäude von Tegel umziehen.« Der Fernblick vom Tower gestattet auch eingeschränkte Sicht auf die charakteristische Airport-Silhouette im Nordwesten und die in regelmäßigen Abständen startenden und landenden Jets.

Bei der Pressekonferenz in der Beuth-Halle erfahren die Vertreter der Hochschulleitung, dass die regierende Koalition aus SPD, LINKE und Grünen einmütig an ihren Zukunftsplänen festhält: Der innerstädtische Flughafen Tegel soll wie mit Brandenburg und dem Bund vereinbart nach Inbetriebnahme des BER in Schönefeld geschlossen werden. Und sie arbeitet weiter an einem Nachnutzungskonzept für das Areal.

»Wir haben gesehen, welche Zukunftsperspektiven die Beuth-Schule für sich sieht, und damit waren wir ganz schnell beim Thema Tegel«, erklärte Michael Müller. Der Senat, so informierte er, habe am Dienstag seine amtliche Stellungnahme zum Tegel-Volksentscheid verabschiedet. Das darin formulierte Eingangsstatement lautet: »Den Flugbetrieb in Tegel beenden und den Raum sinnvoll nutzen - das ist die richtige Entscheidung.« In dem Positionspapier wirbt die Hauptstadt-Regierung für ein »Nein« zum Volksentscheid am 24. September.

»Wir machen bei jeder Gelegenheit deutlich, dass der Senat zu den Zusagen, die wir den Bürgerinnen und Bürgern gegenüber gemacht haben, die vom Fluglärm, von Abgasen und der Gefahr eines Absturzes direkt über dem Stadtgebiet betroffen sind, stehen wird. Der Flughafen Tegel wird geschlossen«, stellte Müller klar. Es gehe darum, 300 000 Menschen im Norden Berlins und im Umland wie versprochen vom Fluglärm zu entlasten, betonte er. Und der Regierende Bürgermeister warnte vor den enormen Mehrkosten, die ein Weiterbetrieb Tegels mit sich brächte.

Auf die finanziellen Risiken wies auch Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) hin. Rund eine Milliarde Euro würde die Grundsanierung Tegels kosten, mindestens 400 Millionen Euro müssten für Lärmschutz eingeplant werden, gut 100 Millionen Euro pro Jahr zur Sicherstellung des Doppelbetriebs am BER und in Tegel. Das Nachnutzungskonzept werde laut Müller die Stadtentwicklung in den nächsten 25 bis 30 Jahren positiv beeinflussen: Es entstünde ein neues Quartier mit 9000 bezahlbaren Wohnungen, einem einzigartigen Wissenschaftsstandort, Unternehmensansiedlungen mit 20 000 Arbeitsplätzen in Forschung und Produktion sowie neue Grünanlagen.

Vor unabsehbaren juristischen Folgen eines Weiterbetriebs von Tegel sprach Vizeregierungschef Klaus Lederer (LINKE). Er warf der FDP vor, das Thema wider besseres Wissen für den Wahlkampf instrumentalisiert zu haben. Das Einschwenken der CDU auf diesen Kurs nannte er »unverantwortlich und opportunistisch«.

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