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Der Radsport diszipliniert die wilden Helden

Mit dem Ausschluss von Weltmeister Peter Sagan nach dem ruppigen Zielsprint schafft die Tour einen Präzedenzfall

  • Von Tom Mustroph, La Planche des Belles Filles
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die Stimmung ist getrübt an diesem Mittwoch. Die Tour de France verlor einen ihrer Stars. Weltmeister Peter Sagan wurde ausgeschlossen, nachdem Mark Cavendish im wilden Sprint zum Ende der vierten Etappe in Vittel zu Fall kam und sich die Schulter brach. Sagan hatte unmittelbar zuvor den Ellenbogen ausgefahren. Ob dies eine Attacke gegen Cavendish darstellte oder nur Sagans Versuch, selbst die Balance zu halten, ist umstritten. Cavendishs Rennstall Dimension Data hatte am Dienstagabend allerdings vehement den Ausschluss gefordert. Am Morgen danach war aber die Betrübnis groß, dass die Jury tatsächlich so entschieden hatte.

Eine Mehrheit der Fahrer und Betreuer fand die Entscheidung überzogen. »Es war ein ruppiger Sprint, ja. Das muss auch sanktioniert werden. Aber ein Ausschluss ist zu hart«, meinte der Berliner Simon Geschke zu »nd«. Auch der Rostocker André Greipel bedauerte die Disqualifikation als »zu hart«. Am Vortag war das noch anders gewesen. Da hatte sich Greipel über Sagans aggressive Fahrweise beschwert. Sagan hatte ihn bei einem Zwischensprint mit einem Bodycheck zur Seite gedrückt. Aber nach durchschlafener Nacht war er offenbar sanftmütiger gestimmt.

Sagans Rennstall Bora und auch der Weltmeister selbst waren natürlich enttäuscht von der Entscheidung. Nach längerem Schweigen trat der 27-Jährige selbst in die Parkanlage des Club Med in Vittel, wo sein Team untergebracht war, und gab ein kurzes Statement ab: »Ich habe nichts falsch gemacht. Solche Sprints hat es auch vorher schon gegeben, und später wird es sie sicher wieder geben.« Der Slowake bedauerte die Verletzung Cavendishs: »Ich hoffe, dass er schnell gesund wird.« Aber folgerichtig oder gar gerecht fand er seinen Ausschluss nicht. Sein Teammanager Ralph Denk beklagte zudem, dass während der Entscheidungsfindung die eigene Seite nicht gehört wurde. »Unsere sportlichen Leiter wurden von der Jury einbestellt, aber nur, um sie über den Ausschluss zu informieren, nicht, um ihre Meinung einzuholen«, sagte Denk. Er verwies auf die Formel 1. »Hier kracht es ja häufiger. Und dann werden beide Seiten angehört.« Denk hat in dem Punkt nicht Unrecht. Der Entscheidungsprozess ist äußerst intransparent.

Andererseits hatte sich die Jury die Entscheidung auch nicht leicht gemacht. »Wir haben lange diskutiert. Zu Anfang der Tour warnte ich die Teams, dass wir uns die Sprints genau ansehen und die Videoaufzeichnungen studieren würden«, sagte Jurysprecher Philippe Mariën in Vittel. Der ausgestreckte Ellenbogen von Sagan gab angeblich den Ausschlag.

Als »hart am Limit, aber immer noch im Rahmen der Regeln« wertete Brian Holm, sportlicher Leiter in Marcel Kittels Rennstall Quick Step den Ausschluss. Er sah darin gegenüber »nd« auch einen »Weckruf an die Sprinter, in Zukunft wieder zivilisierter zu fahren«. Auch Kittel interpretierte den Entscheid als »Achtungssignal für alle Sprinter, sich regelkonform zu verhalten«.

Dimension Data wollte den Ausschluss lieber nicht kommentieren. Cavendish selbst trat kurz mit einem Arm in der Schlinge aus dem Teambus und sagte: »Es war eine erfahrene Jury. Ihr Präsident ist der Mann, den ich am meisten schätze. Es ist gut, dass die Entscheidung bei einer solchen Instanz liegt und nicht von Fahrern und Rennställen getroffen wird.« Für den Briten ist die Tour ebenso zu Ende wie für Sagan. Sonderlich verärgert gegenüber dem Slowaken wirkte er aber nicht mehr. »Wir haben uns ausgetauscht. Wir sind Rivalen, aber auch Freunde. Das bleibt weiter so«, bekräftigte er.

Der Radsport hat mit dem Ausschluss des Weltmeisters einen Präzedenzfall geschaffen. Die Jury dürfte in Zukunft häufiger einschreiten, ihre Verfahren routinierter werden. Der Weltverband UCI sollte jedoch allen Beteiligten eine Möglichkeit zur Selbsterklärung bieten. Er hat noch viel zu tun - und all das nur, weil ein paar Sprinter nicht recht geradeaus fahren wollen. Auch Tagessieger Arnaud Demare war diagonal über den Asphalt gefegt. »Er hat beinahe Nacer Bouhanni zu Fall gebracht und für Sagan und Cavendish die Straße enger gemacht. Auch er hätte bestraft werden müssen«, meinte Geschke über den Etappensieger von Vittel.

Die Schnellsten im Feld müssen dringend diszipliniert werden. Das spricht für die Entscheidung der Jury. Und für die Entwicklung des Radsports spricht, dass diese Affäre von außen mit all den TV-Kameras vor dem Teamhotel an die Razzien früherer Jahre erinnerte, der Anlass aber ein ganz anderer war. Das Dopingproblem ist zumindest eingedämmt - und das schafft die Freiheiten, sich mit anderen Problemen, die lange unbeachtet blieben, auseinanderzusetzen.

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