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Der Angsttraum geht weiter

Aribert Reimanns Kammeroper »Gespenstersonate« nach August Strindberg beim Staatsopern-Festival »Infektion!«

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Der schwedische Dramatiker August Strindberg (1849 - 1912) liebte Beethoven, voran dessen Klaviersonaten. Dies trifft gewiss auch auf den Komponisten und Pianisten Aribert Reimann zu. Er hat sie ja oft genug gespielt. Die Sonatenform: Das Stück, das hier in Rede steht, hat tatsächlich eine Art davon, in bald Beethovenscher innovatorischer Ausprägung. Es finden sich divergierende Hauptthemen, profilierte Seitenthemen und spezifische Satzcharaktere. Schon die Eingangsszene - die Leichen erheben sich und nehmen an der Tafel Platz - lässt dies ahnen.

Zwei Männer im Lichtschein. Arkenholz, Student, und Hummel, Direktor. Ersterer mit Ringel-Shirt und Turnschuhen, Schweiß perlt auf seiner Stirn. Letzterer, in bestem schwarzen Zwirn, singend wie der unbezwingbare Heros und selbst im Rollstuhl die baritonale Perfidie in persona. Die Interna beider Gesangsparts knistern, mehr ein Duell entspinnt sich als ein Duett. Sukzessive treten Seitenthemata hinzu und suchen sich zu behaupten, um endlich einer Durchführung Platz machen. Durchführung heißt in diesem Drama der Gespenster: Es singen zwei, drei, vier gegeneinander, in schwankenden Tempi und Lautstärken, arbeiten sich aneinander ab, wechseln die Stimmlagen, tauchen weg, räkeln sich wieder hoch. All dies ist thematische Arbeit.

Apotheosen erlaubt diese Sonatenform so wenig wie einen Menuett- oder Triosatz. Die Handlung fällt ab und mündet in den langsamen Satz, den gespenstischsten von allen. Der Schlusssatz enthüllt - jenseits der kodifizierten Sonatenform - ein freies Spiel aufgestauter, radikal widerstrebender Kräfte. Den niedrigst möglichen Punkt auszufüllen, ist programmiert. Die Themata erstarren wie Tote, bevor sie ins Leichenschauhaus kommen. Übrig bleibt ein Duett zweier Stimmen, deren Trachten unerfüllt bleibt. Die weibliche erlischt. Die männliche kehrt sich ab von dieser und endet gleichfalls morendo. Schließlich stehen die restlichen Stimmen aus ihrer Totenstarre wieder auf, als würden sie sagen wollen: Hier sind wir wieder, der Angsttraum geht weiter.

Mit seiner Oper »Ein Traumspiel« (1964), einer Phantasmagorie, übertragen von Peter Weiss, besetzte Aribert Reimann erstmals die Spur des psychologischen Dramas von Strindberg und vertiefte mit seiner »Gespenstersonate« die Auseinandersetzung mit jenem Dichter. Derlei Gegenstände liegen Reimann sehr. Kompositorischer Psychologe ist er darum nicht. Geschichten, scheinen sie noch so privat, deutet er gesellschaftlich, hebt sie aus den abgezirkelten Sphären heraus, befreit sie vom Dunst reiner Hirn- und Gefühlsprozesse. Singen ist bei ihm nie Privatsache.

Die »Gespenstersonate« entstand 1984. Jetzt ist sie in der »Werkstatt« der Staatsoper zu sehen, im Rahmen des Festivals »Infektion!«. Regisseur: Otto Katzameier, Dirigent: Michael Wendeberg. Unter ihm musizieren Mitglieder der Staatskapelle Berlin. Eine bestechende Aufführung war zu erleben. Der Komponist war bei der besuchten Vorstellung anwesend und wurde am Schluss gefeiert.

Was die »Gespenstersonate« erzählt, ist vertrackt. Direktor Hummel führt den Studenten Arkenholz in das Haus des Obersts ein, damit dieser für seine Tochter werben kann. Es geht das Gerücht, Arkenholz besitze die Gabe, Tote zu sehen. Wer aber den Blick schweifen lässt, sieht: Tote liegen hier nur so herum. Tot oder lebendig? So lautet die Frage, während das gegenseitige Ausstechen in Gang kommt. Das Haus, ins Halbdunkel getaucht, ist ein Totenhaus und zugleich Stätte der Intrige und des Niedergangs. Keiner ist unter den sieben Personen, der die Welt heiter-nachdenklich anschaut. Endzeitstimmung hält alle auf der Bühne in Bann und verstärkt eines jeden seelisch-geistige Zerrüttung.

Unter der Decke liegen Geheimnisse um Geschäfte und Erbschaft. Das »Gespenstersouper«, das alljährlich bereitet wird, endet nicht, bevor sich die rüdesten Verstrickungen und düstersten Geheimnisse enthüllen. Der alte Hummel (David Oštrek) ist der, der die Fäden zieht und, wenn nötig, noch vom Rollstuhl aus grob dreinschlägt. Seine Frau, die »Mumie« (Alexandra Ionis), ist verrückt und singt alle anderen an die Wand. So irre wie sie selbst ist ihre Papageienstimme. Ganz anders, vielleicht noch markanter die Fistellagen des Studenten. Matthew Peña hat Schwierigstes auszusingen. Angst und Panik befallen ihn, jähes Liebesleid. Seine grellen vokalen Kletterpartien führen bis in den höchsten Diskant.

Direktor Hummel - seine »Mumie« betrachtet ihn als Feind und bringt ihn um - und der an einer Stelle sich selbst zerfetzende und in Rage singende Oberst (Noriyuki Sawabu) sind zwar reiche Säcke, aber die Bühne widerspricht dem. Sie ist karg, hat nur einen Tisch, je nach Lage sechs bis acht Stühle und zwei Feuerleitern. Die besteigen irgendwann der Diener Bengtson (Adam Kutny) und der Oberst. Ihr Duett oben dient dem einzigen Zweck, den Geheimissen um Geld und Besitz ihre noch geheimnisvollere Melodie zu singen. Auf der Gegenseite, oben auf der Empore, musiziert das Ensemble aus Flöten, Oboe, Klarinetten, Fagott, Horn, Trompete, Streichtrio, Kontrabass, Piano und Harmonium. Kein Schlagzeug.

Die Musik ist unfassbar reich und die gesungenen Texte erfreulicherweise weitgehend verständlich. Jede der Gesangsstimmen hat ihre eigene Kontur, setzt sich also von den übrigen Parts ab. Klarinetten, Oboe, Fagott springen so ohren- wie sinnfällig mit Soloparts den Vokalstimmen bei. Klar formuliert die Intermedien der Bläser. Das Streichtrio in eins mit leisen Pianoclustern begleitet düster die Schlussszene. In der hat die kranke, bislang stumme Tochter (Paula Rummel) endlich ihre Arie. Die gerät so schön, so anmutig, so herzzerreißend, dass sie den Sinnen wie Licht im Totenhaus erscheint.

Nächste Vorstellungen am 7. und 9. Juli

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