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Die letzte aller Türen

Warum Menschen sich selbst töten. Streifzug durch die Geschichte des Suizids. Von Martin Koch

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Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord«, schrieb der französische Existenzialist Albert Camus. »Die Entscheidung, ob das Leben sich lohne oder nicht, beantwortet die Grundfrage der Philosophie.« Auch an Büchern, die dem Thema Suizid gewidmet sind, besteht kein Mangel. Ein weiteres ist jetzt dazugekommen, eines, dessen Lektüre unbedingt lohnt. Es stammt aus der Feder der Publizistin Anne Waak und beschäftigt sich vornehmlich mit der Geschichte des Suizids, welche die Autorin sowohl systematisch als auch anhand spektakulärer Einzelfälle darstellt.

Für das betreffende Phänomen gibt es im Deutschen gleich vier Wörter, von denen Selbstmord noch immer das gebräuchlichste ist. Es geht zurück auf Martin Luther, der 1527 erstmals von »sein selbst morden« sprach. Bis heute ist das Wort negativ belegt, denn jemand, der mordet, begeht eigentlich ein Verbrechen. Doch beim »Selbstmord« mordet niemand, denn Juristen verstehen unter Mord eine besonders verwerfliche Art der vorsätzlichen Tötung anderer. Auch der von Friedrich Nietzsche geprägte Ausdruck »Freitod« ist problematisch, da in ihm zu viel Heroisches mitschwingt. Dagegen sind die Begriffe Suizid und Selbsttötung sprachlich neutral und daher besser geeignet zur Beschreibung einer Tat, die zur Beendigung des eigenen Lebens führt.

In westlichen Gesellschaften gehen rund 90 Prozent aller Suizide auf psychische Störungen zurück, am häufigsten auf Depressionen. Weitere Auslöser sind unheilbare Krankheiten und nachhaltige Lebenskrisen. 2012 nahmen sich weltweit etwa 800 000 Menschen das Leben. Unter 15- bis 29-Jährigen war Suizid sogar die zweithäufigste Todesursache, übertroffen nur von Verkehrsunfällen.

In der Bundesrepublik fiel die Kurve der Suizidhäufigkeit von 1980 bis 2007 nahezu stetig ab. Als Gründe hierfür werden eine verbesserte ärztliche Versorgung sowie die Enttabuisierung psychischer Erkrankungen genannt. Danach stieg die Zahl der Fälle wieder an. 2011 starben hierzulande 10 144 Menschen durch Suizid. Auf dem Tiefststand 2007 wurden 9400 Selbsttötungen registriert. Experten vermuten, dass die überraschende Häufung von Suiziden im Jahr 2009 mit dem medial ausführlich geschilderten Freitod des Fußballtorhüters Robert Enke in Zusammenhang stand. Im Allgemeinen gilt ein Nachahmereffekt bei Suizid als erwiesen. Und dessen Eintreten ist um vieles wahrscheinlicher, wenn eine prominente Person sich das Leben nimmt. Es sei daher ratsam, mahnt der Deutsche Presserat, über Selbsttötungen in den Medien eher zurückhaltend zu berichten.

Wie man heute weiß, begingen in der DDR jedes Jahr anderthalbmal mehr Menschen Suizid als in der BRD. Gern wird dies auf das repressive politische System im Osten zurückgeführt, zumal dort andere suizidbegünstigende Faktoren fehlten: ökonomischer Druck, Arbeitslosigkeit, Existenznot. Richtig ist, dass die DDR seit 1963 keine Suizidstatistiken mehr veröffentlichte. Aus juristischer Sicht jedoch sei die Selbsttötung ebenso wenig verurteilt worden wie aus Gründen der Moral, schreibt Waak und verweist auf Untersuchungen, denen zufolge die hohen Suizidraten im Osten an eine spezielle »mentale Prägung« geknüpft waren. So wurde auf dem Territorium der ehemaligen DDR, namentlich in Sachsen und Thüringen, bereits im Kaiserreich eine relativ hohe Suizidhäufigkeit festgestellt. Dieser rätselhafte Unterschied zwischen Ost und West besteht mit Ausnahmen bis heute. Nicht das Gesellschaftssystem habe die hohen Suizidraten in der DDR verschuldet, resümiert der Historiker Udo Grashoff. »Die Entscheidung, Selbstmord zu verüben, ist ein sehr komplexes Phänomen, bei dem private Elemente eine viel größere Rolle spielen als politische.«

Davon künden auch zahlreiche sogenannte Abschiedsbriefe. »Liebe Welt, ich gehe, denn mir ist langweilig«, schrieb der britische Schauspieler George Sanders. Und der Gründer der Filmfabrik Kodak, George Eastman, ließ seine Freunde wissen: »Meine Arbeit ist getan. Warum warten?« Für den Entschluss, sich selbst zu töten, sind bisweilen aber auch politische oder moralische Motive mitentscheidend. Das gilt für Stefan Zweig ebenso wie für Wladimir Majakowski und Clara Immerwahr. Die Frau des Chemikers Fritz Haber, der 1915 den ersten militärischen Giftgasangriff geleitet hatte, schoss sich nach der Feier dieses Ereignisses mit einer Pistole ins Herz.

Politisch motiviert sind auch die meisten Selbstmordattentate. Deren Ursprung liegt allerdings nicht, wie man denken könnte, im Nahen, sondern im Fernen Osten. Im Oktober 1944 unternahm der japanische Admiral Masafumi Arima erstmals ein militärisches Selbstmordattentat: Er stürzte sich aus freien Stücken mit seinem Flugzeug auf einen US-Flugzeugträger. Der erste Selbstmordanschlag im Nahen Osten, der dem internationalen Flughafen von Tel Aviv galt, wurde 1972 von der »Japanischen Roten Armee« aus Solidarität mit den Palästinensern durchgeführt. Heute sind Selbstmordattentäter meist islamistische Terroristen, deren Verhältnis zum Tod ein erstaunlich unbeschwertes ist. Denn sie glauben, nach dem Anschlag sofort ins Paradies einzugehen.

Alarmierendes kommt seit Jahren aus der kalifornischen Stadt Palo Alto. Dort ist die Zahl sogenannter Jugendsuizide vier- bis fünfmal so hoch wie im US-Durchschnitt. Es sind vor allem Schüler der Gunn Highschool, die ihrem Leben ein Ende setzen, da sie befürchten, es nicht an die nahe gelegene, renommierte Stanford University zu schaffen. Von ihren Eltern oftmals zu Höchstleistungen angetrieben, halten manche Schüler dem sozialen Druck nicht stand.

In einem Gedicht von Reiner Kunze heißt es: »Selbstmord / Die letzte aller Türen / Doch nie hat man / an alle schon geklopft.« Das klingt vielleicht etwas pädagogisch. Aber der verstörende Gedanke, dass mit dem Tod unser Einfluss auf die Zukunft unwiderruflich erlischt, hat vermutlich schon viele Menschen vor dem finalen Akt bewahrt.

Anne Waak: Der freie Tod. Eine kleine Geschichte des Suizids. Aufbau Verlag Berlin, geb., 233 S., 18 €.

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