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Wie viel Wild verträgt der Wald?

Thüringen: Rehe und Hirsche können für den Baumbestand zum Problem werden - der Umgang mit den Tieren auch

  • Von Andreas Hummel, Rehungen
  • Lesedauer: 5 Min.

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Im Wald von Ernst-Detlef Schulze müssen Rehe und Damwild draußen bleiben. Der Mittsiebziger öffnet einen Zaun und stapft stolz durch die vielen jungen Ahorne und Ulmen, die hier gedeihen. Vor zehn Jahren habe er den Wald hier im nordthüringischen Rehungen durchforstet, um Licht für die nächste Generation von Bäumen zu schaffen. Die sind jetzt auf eine Höhe von rund drei Metern herangewachsen. »Das haben sie aber nur geschafft, weil ich damals gleich zwei der drei Parzellen eingezäunt habe«, erklärt Schulze. »Sonst hätte sie das Wild weggefressen, und es gäbe nur Buchen, die robuster gegen Wildverbiss sind.« So wie in der dritten Parzelle, wo er erst Jahre später die Reißleine gezogen und sie ebenfalls eingezäunt hat.

Während sich Spaziergänger oft über den Anblick von Wildtieren in Wald und Feld freuen, klagen Waldbesitzer wie Schulze über zu viel Reh-, Dam- oder Rotwild. Die Folge seien erhebliche Schäden an jungen Bäumen. Das gehe soweit, dass bestimmte Baumarten durch Wildverbiss fast komplett verschwinden. Die Wildtiere vertilgen nicht nur die Triebe junger Bäume. Oft schälen sie auch deren Rinde oder wetzen sie mit ihren Geweihen ab, so dass das zarte Bäumchen abstirbt. Fachleute sprechen dann von Fegeschäden. »Nur mit Hilfe des Zaunes habe ich hier durch natürliche Verjüngung einen Edelholzlaubmischwald erzeugen können«, erklärt Schulze, der Jahrzehnte als Waldbiologe geforscht hat - unter anderem am Jenaer Max-Planck-Institut für Biogeochemie.

In einer 2014 veröffentlichten Studie hat er zusammen mit Kollegen gezeigt, dass in Thüringen etwa 50 bis 60 Prozent der Baumarten durch Wildverbiss verloren gehen. Das jüngste Verbiss- und Schälgutachten der Thüringer Landesforstanstalt kam voriges Jahr zu dem Ergebnis, dass im Mischwald auf einem Drittel der Fläche das Ziel der Verjüngung wegen Wildeinflüssen nicht erreicht wird. Dabei sind die Förster auch angesichts des Klimawandels bestrebt, die Vielfalt in hiesigen Wäldern zu erhöhen und weg von reinen Nadelwäldern aus Fichtne oder Kiefern zu kommen. So sollen die Wälder robuster werden.

Wie Schulze hält auch Bestseller-Autor und Förster Peter Wohlleben die Anzahl der Rehe und Hirsche für zu hoch. Er spricht in seinen Büchern gar von einer »Haustierhaltung im Wald« und wirft Jägern vor, etwa mit der Fütterung im Winter möglichst viel Wild zu päppeln und vor allem auf kapitale Hirsche und Böcke bedacht zu sein. »Gab es früher ein Reh pro Quadratkilometer Waldfläche, so sind es heute durchschnittlich 50«, schreibt der Förster in seinem Buch »Der Wald. Eine Entdeckungsreise«. Kritiker der Wildbestände regen beispielsweise Änderungen im Jagdrecht an, um die Populationen einzudämmen. Etwa dahin gehend, dass Waldbesitzer Jägern stärker Weisungen geben können.

»Wir haben seit Jahrzehnten einen Anstieg von Schalenwildbeständen zu verzeichnen«, bestätigt Matthias Neumann vom Thünen-Institut für Waldökosysteme im brandenburgischen Eberswalde. »Ein Hegeziel muss sein, dass sich die Hauptbaumarten ohne künstlichen Schutz verjüngen. Hier haben wir in weiten Teilen Deutschlands ein Problem.« Aber: Schäden an jungen Bäumen seien nicht allein auf die Tierzahl zurückzuführen. »Wenig Wild heißt nicht unbedingt auch wenig Schäden«, betont der Fachmann.

Ähnlich sieht das Sven Herzog, Dozent für Wildökologie und Jagdwirtschaft an der TU Dresden. Die Zahlen Wohllebens zieht er massiv in Zweifel. Es gebe orientierende Zahlen zur Wilddichte, die bei Rehen zwischen fünf und 20 Tieren pro Quadratkilometer lägen. Großen Einfluss auf Verbissschäden haben nach Ansicht von Herzog und Neumann Störungen des Wildes etwa durch Erholungsuchende im Wald, Verkehr oder eine unsachgemäße Jagd. Deswegen sei es kontraproduktiv, die Jagd auszuweiten - es müsse dosiert, dafür aber intensiv gejagt werden, betont Neumann. Denn: Ansonsten ziehe sich das Wild ins Unterholz zurück und richte dort noch mehr Schäden an. »Die Jagd im Winter bis in den Januar hinein bringt immense Störungen für die Tiere«, ergänzt Herzog. Auch eine fachlich richtig ausgeführte Winterfütterung helfe, Schäden an den Bäumen zu verringern. Helfen könnte es nach Ansicht der Experten auch, wenn Waldbesitzer Waldwiesen pflegten, damit Reh und Co. junge Baumknospen verschonen. Neumann plädiert für eine Stärkung sogenannter Hegegemeinschaften, die Grundeigentümern Mitsprachemöglichkeiten bei der Jagd böten.

»Tiere gehören in die Wälder genauso wie Pflanzen«, betont Herzog. Er sieht die Kritik von Waldbesitzern eher ökonomisch motiviert und das Einzäunen ganzer Waldstücke kritisch. »Wir müssen uns fragen, was wir für Wälder wollen«, erklärt er. »Wälder, wie sie mit den Tieren entstehen, oder klinisch reine Wälder.« Die Herausforderung sei es, ein Gleichgewicht hinzubekommen.

Angesichts des vielen Wildes sieht Waldbesitzer Schulze derzeit aber nur die Möglichkeit, seine Bäume durch einen Zaun zu schützen. »Wenn ich den Zaun jetzt abbauen würde, würde das Damwild den Ahorn schälen und nichts übrig lassen.« Er rechne damit, dass der Zaun 50 Jahre stehen bleibe. Dafür, so seine Kalkulation, erzeuge er ein Edellaubholz, das es wegen der hohen Wilddichte dann noch seltener gibt. »Ein dicker Ahorn oder eine dicke Ulme wird in 100 Jahren bei diesen Bedingungen kaum mehr verfügbar sein, und die Preise steigen«, sagt er. Das mache dann seine Kosten für den Zaun wett. »Wenn Sie so wollen, bin ich ein Holzspekulant«, sagt Schulze schmunzelnd. dpa/nd

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