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Harte Zeiten für Schwertkämpfer

Der Internetgigant Tencent hat das Missfallen der chinesischen Regierung auf sich gezogen

  • Von Finn Mayer-Kuckuk, Peking
  • Lesedauer: 4 Min.

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Chinas Regierung bekämpft die Computerspielesucht - und legt sich dabei mit einem der größten Internetkonzerne der Welt an: Tencent. Vor allem das erfolgreiche Onlinespiel »King of Glory« hat die Aufmerksamkeit des Staates auf sich gezogen: 100 Millionen meist minderjährige Zocker verbringen täglich viele Stunden mit der App. Sport und Hausaufgaben kommen zu kurz, lautet die Kritik aus Peking. Nun hat der App-Anbieter per Update die Spielzeit beschränkt. Kinder unter zwölf Jahren dürfen das Programm nur noch eine Stunde am Tag verwenden, teilte der Konzern mit. Nach 21 Uhr können Kinder gar nicht mehr damit spielen. Für Jugendliche von 13 bis 18 gilt ein Limit von zwei Stunden täglich.

Tencent baut zudem in seine Spiele-Apps Elemente einer Kindersicherung ein. Benutzerkonten von Minderjährigen müssen künftig mit der entsprechenden App eines Erziehungsberechtigten verknüpft sein. Der kann sehen, was der Nachwuchs spielt - und wie viel Geld er für In-App-Käufe ausgibt. Die Eltern bekommen sogar einen Abschaltknopf: Einmal tippen und auf dem Handy des Kindes funktioniert kein Tencent-Spiel mehr.

Das Unternehmen aus Shenzhen spielt mit einem Umsatz von 22 Milliarden und einem Marktwert von über 300 Milliarden Euro in der Liga von Facebook. Seine Kommunikations-App Wechat ist mit einer Milliarde Nutzern eine der populärsten Anwendungen der Welt. In China hat Tencent mit »King of Glory« vor zwei Jahren erneut einen großen Spiele-Hit gelandet. Die App spielt rund die Hälfte der Einnahmen der Unterhaltungssparte des Konzerns ein.

Die Nutzer steuern eine anfangs mit Schwert bewaffnete Spielfigur auf dem Touchscreen und metzeln durch heftiges Tippen Gegner nieder. Dafür erhalten sie Punkte, Gegenstände wie bessere Waffen und besondere Fähigkeiten. Die App kann zunächst gratis heruntergeladen werden, später können die Nutzer ihrem Erfolg durch den Kauf von Gegenständen einen enormen Schub geben. Das kostet reales Geld. Das Konzept ist nicht neu, aber gut gemacht. Ab Herbst soll das Spiel auch hierzulande erhältlich sein.

Tencent steht unter Druck, auf die jüngste Kritik aus Peking zu reagieren. Chinas Wirtschaft ist immer noch staatlich gelenkt. Wenn die Regierung einer Firma Ärger machen will, hat sie dazu viele Möglichkeiten. Diese Woche wurde deutlich, dass sich etwas zusammenbraut: »Es ist alarmierend, wenn Firmen den Menschen aus Profitgier schaden«, schrieb das Propagandaorgan »Volkszeitung« über Tencent. Die Nachrichtenagentur Xinhua warf Spieleanbietern vor, »die Selbstkontrolle von Kindern zu untergraben« und sie launisch zu machen. Es fehlte auch nicht ein Hinweis auf Jugendliche, die angeblich nach langen Spielesitzungen gestorben seien. China sieht sich als Sittenwächter und greift durch Zensur in die Medien ein.

Die aktuelle Kritik kam, nachdem Tencent die Zeitbeschränkungen bereits angekündigt hatte. »Es ist nun wichtig, dass das Unternehmen Verantwortung zeigt«, sagen Experten der Internetforschungsfirma IDC. Wenn es Kinder vor Sucht schütze, sei das nachhaltig, schließlich müsse es negative Publicity vermeiden. Tencent könne eine Änderung des Geschäftsmodells verkraften.

In China ist Spielsucht derzeit ein großes Thema. Die Zahl der Onlinespieler hat gerade 370 Millionen erreicht. Die Ärzte zählen »Wangyin« - Internetsucht - zu den häufigsten Diagnosen bei Jugendlichen. Es soll 24 Millionen Betroffene geben. Geschäftemacher bieten verzweifelten Eltern alle möglichen Heilmittel an: Entziehungslager mit militärischem Drill, Elektroschocktherapie, Akupunktur oder Kräuteraufgüsse. Die Spielzeitbeschränkung durch Tencent dürfte die wirksamere Lösung sein.

Es gibt noch ein weitreichenderes Problem: Wenn die Jugendlichen nicht am Handy hängen, müssen sie für einen Prüfungsmarathon lernen. In China hat nur der die Chance auf einen anständigen Job, der die schweren Aufnahmeprüfungen für Universitäten und Fachschulen besteht. Zu kurz kommen Sport und Spiel. Die verbleibende Zeit saugen zunehmend PC- und App-Spiele auf, klagen Experten. »Der Lebensstil hat sich zum Schlechteren geändert, Kinder sitzen zu viel vor Computer und Handy und bewegen sich zu wenig«, sagt Mediziner Ma Jun vom Institute of Child and Adolescent Health der Peking-Universität. Für den Traum des Staatspräsidenten Xi Jinping, China zu einer Fußballnation zu machen, sind die Kinder kaum geeignet. Stattdessen wird Diabetes bei Jugendlichen immer häufiger, 120 Millionen Chinesen unter 18 sind übergewichtig.

Stimmen im Netz äußern jedoch Zweifel, ob Tencents Zeitbeschränkung wasserdicht ist. Auf der Handelsplattform Taobao finden sich verdächtige Angebote: Geschäftemacher verkaufen Zugangsdaten zu Tencent-Benutzerkonten von Erwachsenen - zum schülerfreundlichen Preis von 30 Eurocent. Der Account ist auf die Personalausweisnummer eines Volljährigen registriert. Xinhua berichtet von Jugendlichen, die sich Papas Kreditkarte ausleihen, um Spiele herunterzuladen, andere spielen auf dem Handy des älteren Bruders weiter.

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