Selfies vor Randale-Panorama

Entdifferenzierung, moralischer Appell, Distanzierungsgebote, Selbstbildproduktion: über die Nacht von Hamburg und die Geräusche, die sie am Tag danach macht

  • Von Tom Strohschneider
  • Lesedauer: 7 Min.
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Die letzte Nacht war nicht die erste. Krawalle dieser Art hat es früher auch schon gegeben, das ist weder eine Entschuldigung noch eine Erklärung für das, was in Hamburg passiert ist. Es ist ein Fakt, und ebenso ist es ein Fakt, dass die Sprechweisen und Reaktionskaskaden, die nun öffentlich folgen, selbst auch nicht zum ersten Mal ablaufen.

Empörung und politische Instrumentalisierung liegen so nahe beieinander wie es Differenzierung schwer hat. Kann man das überhaupt noch in einem medialen Setting der Eindeutigkeit - sich eine Vorstellung davon machen, was da und in welch widersprüchlicher Art im Schanzenviertel passierte? Es wenigstens versuchen?

Wenn man sich die Muster anschaut, die nun im Reden darüber vorherrschen, fallen recht schnell die Grammatiken auf, die meist völlig unverbunden nebeneinander existieren. Da wäre unter anderem die Entdifferenzierung, die das Ereignis »Krawall« als Ausdruck einer Einheitlichkeit begreift und mit einer ebenso als unterschiedlos angesehenen Menge »G20-Gegner« in eins setzt. Es geht hier auch um das Herausschreiben von anderen aus der Wirklichkeit.

Da wäre das Muster der ideologischen Gleichsetzung, das im Wort von der »faschistischen Gewalt der Linken« gipfelt. Oder das der psychologischen, das von Terror spricht, und damit bestimmte Bilder, Erinnerungen aufruft. Die Randale als Geschwister des IS, des NSU? Es sind zwei Sprechweisen, die gut kompatibel sind mit jener des »moralischen Appells«, in dem dann jeder, der nicht sofort und inhaltsgleich darüber redet, mit Empörung übergossen werden kann.

Dies wiederum ist ein Modus, der sich selbst zwar als politische Auseinandersetzung interpretiert, aber in Wahrheit gar keine ist. Der Vorwurf etwa in Richtung einer bestimmten Partei, sagen wir: den Grünen oder der Linkspartei, sich nicht hinreichend distanziert zu haben, will ja nicht die Distanzierung. Sondern darauf hinaus, dass diese nicht erfolgt, weil das Wesen der so Angesprochenen so böse oder fast jedenfalls ist wie jene, von denen sie sich abgrenzen sollen.

Der Vorwurf nimmt für sich in Anspruch, praktisch immer »richtig« zu sein, solange die Kritisierten die ideologische Gleichsetzung von Rechts und Links nicht mitmachen. Was sie nur um den Preis der Selbstaufgabe könnten. Damit entfernt sich der Vorwurf aber von dem konkreten Ereignis, er wird auf eine Ebene verschoben, auf der anderes verhandelt wird als die Frage, wer da, mit welchen Folgen randaliert hat.

Ketten des Redens und Reagierens

Es mag banal sein, darauf hinzuweisen, dass sich die Muster und Sprechweisen durch Unmittelbarkeit und Rhythmus der sozialen Netzwerke verändert haben. Aber vielleicht muss man es gerade deshalb wieder und wieder sagen: Vorsicht, es entstehen Ketten des Redens und Reagierens, die auf Einzelbildern beruhen, aber keine Zusammenhänge mehr repräsentieren.

Man kann zum Beispiel wenige Stunden nach dem Ausbruch im Schanzenviertel sagen, die linke Szene hat sich doch davon distanziert - ein Tweet dazu findet sich. Man kann genau das Gegenteil ebenso behaupten, weil es auch dafür einen Tweet, einen O-Ton, einen »Beleg« gibt. Oder man kann sich darüber aufregen, dass jemand, der mit den Krawallen nichts zu tun hat, auf die Forderung der Distanzierung hin sagt: Dies würde genauso wenig irgendwem nützen wie die Nichtdistanzierung. Indem man Tweets produziert.

Aber was ändern die? Und ist nicht auch wahr: Ganz egal, wie sich nun zum Beispiel jene über die letzte Nacht äußern, welche die große Demonstration am Tag danach organisieren, mit Distanzierung, mit Kritik, mit was auch immer - es würde das Reden über die Nacht nur wenig ändern. Schon allein deshalb, weil die einzelnen Ketten sich in Teilöffentlichkeiten fortsetzen, auffädeln, in Bereichen der Codes, der Übereinstimmungen, der Reflexe, die voneinander abgeschnitten sind. Die ihre eigenen Logiken haben. Auch ihre eigene Vergangenheit: »Hab ich doch schon 2017 nach den Randalen in Hamburg gesagt!«

Dabei werden jeweils auch Selbstbestätigungen produziert, auf deren Basis dann beim nächsten Mal neue Ketten geknüpft werden können: Randale gleich alle Linken gleich die linke Sache selbst gleich Gegner. Oder: Kritik an Randale gleich Spaltungsversuch gleich Unterwerfung unter Konsens autoritärer Herrschaft gleich Überläufer.

Bühnen der Reproduktion von Eigenbildern

Wer sich die Mühe macht, die Widersprüche, die es gibt, zu politisieren, kann sich binnen drei Minuten sowohl den Vorwurf des »Linksfaschisten« einhandeln wie den des »Überläufers«. Wer einmal danach fragt, warum die Polizei stundenlang die Randale hat gewähren lassen, wird zum Relativierer von Gewalt. Wer darauf hinweist, dass nichts in diesen G20-Tagen losgelöst ist von der Gesamtheit der Geschehnisse, es also ja verdammt gravierende Grundrechtseinschränkungen, Attacken auf die Pressefreiheit und so fort gegeben hat, dem wird unterstellt, zwecke Ablenkung aufzurechnen.

Es kommt noch etwas hinzu, denn die Selbstbestätigungsräume fungieren auch als Bühnen der Reproduktion von Eigenbildern. Natürlich wird erwartet, dass ein Jan Fleischhauer seinen Tweet absetzt. Oder ein Jakob Augstein. Und natürlich tun sie es. Es fliegen Steine ins Wasser, die Wellen von Zustimmung und Ablehnung erzeugen, die aber immer auch zurückschwappen sollen, damit die Gischt sich dort bricht, wo die Welle ihren Ausgang nahm. Der eine sagt, »wer am Samstag gegen G20 auf die Straße geht, solidarisiert sich mit dem Mob«. Der andere sagte schon vorher mit Blick auf Randale, »der Preis muss so in die Höhe getrieben werden, dass niemand eine solche Konferenz ausrichten will«.

Große Uffregung natürlich. In beiden Fällen. Die Kommentare von Fleischhauer und Augstein, die hier stellvertretend genannt sein sollen, sind also Geräusche, bei denen es auch darum geht, die künftige Lautstärke, die von ihnen selbst ausgeht, zu erhöhen. Es steckt weder in dem einen noch in dem anderen Tweet eine Kritik in jenem Sinne, die von »falschen Meinungen« und »Verhaftungen an Erscheinungen« befreien will. Auch nicht so, wie man Kritik von Foucault ausgehend verstehen könnte, also als eine, die das »System der Bewertung selbst« in sich und durch sich immer kenntlich macht.

Und jene, welche die Bilder erzeugen, die zu besprechen dann dazu dienen, dass andere ihre Eigenbilder reproduzieren? Auch sie bleiben in einer Logik der Bilderproduktion und -konsumtion verhaftet. Dem Schaulustigen verspricht die brennende Barrikade vor Blaulichtschein die Erfahrung von Authentizität und Dabeigewesensein, obwohl es sich um eine Inszenierung handelt. Das Selfie vor Randale-Panorama gehört dazu – im übrigen: Die Tweets mancher Kritiker der Randale sind in gewisser Weise auch nichts anderes als Selfies.

Der staatlichen Macht dienen die Bilder, die am ehesten noch sie selbst lenken könnte, zur Legitimation früherer oder kommender politischer, staatlicher, herrschaftlicher Praxis. Und den Randalierern? Thomas Pany hat auf Telepolis an Elias Canetti erinnert, der in »Masse und Macht« vom »Klirren« als dem »Beifall der Dinge« spricht: »Die Zerstörer brauchen den Beifall der kaputt gehenden Dinge, um sich selbst zu vergewissern, dass hier etwas Starkes und Großes läuft.« Pany zitiert Canettis Hinweis, dass die Masse, die Feuer legt, sich für unwiderstehlich hält. Was da brennt, ist »ein konstituierendes Element der Gruppe«, eine Selbstbestätigung, die aus der Wiederholung ihre Kraft schöpft.

Was hier und da bisweilen noch ungelenk als »Gegengewalt« und »Militanz« verklärt wird, weist über sich selbst nie hinaus, es ist eben nicht die fast schon »revolutionäre Aktion«, die am Anfang eines Umsturzes steht oder auf dem Weg dorthin liegt, sondern nur der »ewige Loop, der das Omen beschwört«. Pany: »Die große Sache folgt eben nicht, die Aktionen bleiben in der Zerstörungsphase stecken, die sie dauernd wiederholen. Jahr für Jahr.« Die letzte Nacht war nicht die erste.

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