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Radieschenzucht bei -40 Grad

Ein Raumfahrtingenieur wird in der Antarktis für ein Jahr zum Gärtner

  • Von Janet Binder, Bremen
  • Lesedauer: 3 Min.

Paul Zabel ist Raumfahrtingenieur, bald wird er aber für ein Jahr als Gärtner arbeiten. Das wird der 30-Jährige an einem unwirtlichen Ort tun: in der Antarktis. Für das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) züchtet er in einigen Monaten in einem Gewächshaus nahe der Forschungsstation Neumayer III Radieschen, Gurken, Salat und - wenn es gut läuft - auch Erdbeeren.

Vier bis fünf Kilogramm Frischgemüse will er pro Woche ernten. »Ziel ist es, der Stationscrew den Großteil davon zur Verfügung zu stellen«, sagte Zabel bei der Präsentation des von der Europäischen Union geförderten Projekts »Eden-ISS«. Im Zentrum steht ein spezieller Gewächshauscontainer, in dem Pflanzen gezogen werden können. Ein kleiner Teil der Ernte wird für die Forschung genau unter die Lupe genommen.

Denn Gärtnern in der Antarktis soll nur ein Schritt hin zu einer großen Vision sein: Astronauten auf Langzeit-Weltraummissionen wie die zum Mars mit Frischgemüse zu versorgen. »Die Antarktis mit ihren extremen klimatischen Bedingungen mit bis zu minus 40 Grad bietet ein optimales Testumfeld«, sagte DLR-Projektleiter Daniel Schubert. Vor allem aber geht es um die Abgeschiedenheit: Von Ende Februar bis Ende Oktober kann die neunköpfige Überwinterungsmannschaft des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung auf der Neumayer-Station nicht beliefert werden.

Gewächshäuser sind in der Antarktis inzwischen zwar nicht mehr ungewöhnlich. Das in Bremen unter Leitung des DLR entwickelte allerdings ist den Angaben zufolge einzigartig: »Es ist ein in sich geschlossenes System«, betont Schubert. Nur die Strom- und Datenversorgung liefert die Forschungsstation. Gezüchtet wird in einem sterilen 20-Fuß-Container, unter LED-Licht, ohne Erde und ohne Pestizide. Die Wurzeln werden alle zehn Minuten computergesteuert mit einer Nährstofflösung besprüht. Die Tests in Bremen verliefen vielversprechend. »Die Pflanzen wachsen schneller und produktiver als in der Natur«, sagte Schubert.

Nutzpflanzen im Raumschiff oder auf dem Mars hätten aber nicht nur den Effekt, Astronauten mit frischer Nahrung zu versorgen. »Wir können so Sauerstoff generieren und Wasser gewinnen, das Trinkqualität hat«, erzählt Daniel Schubert. Zudem könnten Astronauten aus Mais Bioplastikgeräte herstellen. Bei einer Mars-Mission, die drei Jahre dauere, sei vor allem auch die psychologische Wirkung nicht zu vernachlässigen. »Etwas Grünes hat einen positiven Effekt auf die Psyche des Menschen«, betonte Schubert.

DLR-Vorstand Hansjörg Dittus hat aber nicht nur Raumfahrtmissionen im Sinn, wenn er an das Spezialgewächshaus denkt: »Die Messkampagne hat eine hohe Bedeutung für die gesamte Ernährungssituation auf der Erde.« In einigen Jahrzehnten würden die meisten Menschen in riesigen Städten leben. »Das hat Auswirkung auf die Versorgung.«

Zunächst einmal aber sollen Forscher in der Antarktis von dem Frischgemüse profitieren. Ende Dezember wird das Gewächshaus 400 Meter entfernt von der Neumayer-Station III installiert. Dann wird auch Paul Zabel anreisen. »Anfang Januar setze ich die ersten Pflanzen aus«, kündigte er an. Es werden die mit am besten kontrollierten Pflanzen der Welt sein: Zum Kontrollzentrum in Bremen werden täglich Bilder gesendet, die gewonnenen Daten werden von Forschern weltweit ausgewertet.

Zwei Wochen hat Zabel in einem niederländischen Gewächshaus einen Intensivkurs im Gärtnern erhalten. »Ich weiß jetzt, wie ich eine Pflanze beschneide und wie ich erkenne, ob es ihr gut geht.« Aus seinem Team war er der einzige, der sich freiwillig für den einjährigen Aufenthalt in der Antarktis entschieden hat. Es ist ein Abenteuer, über das er im Vorfeld nicht groß nachdenkt: »Wenn man da ist, macht man das Beste draus.« dpa/nd

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