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Integrationskompatibilität

Münchner Kammerspiele: »Tiefer Schweb« von Christoph Marthaler: ein Theaterglück

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.

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Wer sich der Politik und Politikern zuwendet, den Parteien und deren Programmen - der will zur Wahrheit kommen, ohne intelligent sein zu müssen. Es gibt zum Glück auch den anderen Weg: die Kunst. Wer sich mit Kunst beschäftigt, der setzt sich einer Intelligenz aus, die offen macht, also porös und unsicher. Bei Christoph Marthalers »Tiefer Schweb« saß ich in den Münchner Kammerspielen und fühldachte nur immer: Theaterglück, Theaterglück! Und das nach wahrlich nicht wenigen Aufführungen, die ich von diesem Erfinder des Sprachschweigens, der Verstummenssprache schon sah.

Was ist das für eine große Kunst: den Menschen als frenetisch fies, fulminant feige, verschlagen folgsam zu zeigen - und diesen leidenschaftlichen Lumpen doch zu lieben, dieses höllische Wesen doch himmlisch zu feiern. Wenn Marthalers Menschen schweigen, ist das einerseits Armut, andererseits Setzung eines Maßstabes: Wer schweigt, hat etwas verstanden. Denn hört euch doch um in eurem Gesellschaftskreis; nur wenige Leute begreifen, dass das, was sie sagen, einzig dann wichtig und richtig wäre - wenn andere es sagten.

Tiefer Schweb. Das ist in etwa zweihundertfünfzig Metern Tiefe die wahrlich untergründigste Stelle des Bodensees. Dort berät - in geheimer Mission - der achtköpfige »Nationale Sicherheitsrat der vereinigten Bodenseeverwaltung«. Ein »Ausschuss zur nachhaltigen Oberflächenneuordnung der exterritorialen Bereiche« des Gewässers. Die Obrigkeit regiert über die Untrigkeit, man steht unter einem Druck, für den das über der Tauchtiefe lastende Wasser den metaphorischen Anlass bietet. Bodensee? Der See hat den Boden verloren: Bakterien schlagen Wellen, Flüchtlinge auch - es drohen Seuchen verschiedenster Art. Klingt aktuell, also elend. Ein Taucher berichtet von draußen, vom Leben an der Oberfläche. Reibungsfläche. Genau über dem Tagungsort befindet sich eine schwimmende Dorfgemeinschaft, wo Flüchtlinge »auf amtliche Registrierung in einem der drei Anrainerstaaten warten«. Schicksale? Blöde Tourismusbremse!

Das Wort »Flüchtling« fällt kein einziges Mal. Verwaltung ist jene Grausamkeit, die Tatsachen umschifft, ins Nebulöse abtaucht und den Menschen unterm Wasserfall der Paragraphen ersäuft. Wie stellt man »Integrationskompatibilität« her? Das ist das Thema in dieser »Klausurdruckkammer«. Wo die Ödnis des Demokratiefensinns - in grünem Unterwasserlicht - ihre sattsam bekannten Vokabeln pustet, prustet, vor allem blubbert: »Zwischenergebnis«, »gewisser Handlungsbedarf«.

Gespielt wird in einem Mobiliar zwischen bayrischem Wirtshaus und konspirativem Hinterzimmer (Bühne: Duri Bischoff). Dunst der Gemütlichkeit, Schweißgeruch der Bürokratie. Einst an der Volksbühne, bei »Murx den Europäer«, gab es eine Ofenklappe, aus der Arbeiterlieder hallten - Geräusch-Asche des proletarischen Illusionsbetriebes. Hier gehört der Kamin dem Beamtentum: Die Öffnung spuckt Briefe aus, und wenn eine Trachtenkleidung verbrannt wird, dann sieht es wie die Hinrichtung der Niedertracht aus. Niedertracht ist ein Zombie. Der Schuhplattler auch. Plötzlich zieht sich die Holztäfelung zurück. Der Blick fällt auf Wasserkanister. Paul Gerhardt wird gesungen, schweizerische Volksmelodien erklingen, Procul Harum, auch Simon und Garfunkel. Im Liedgut verstaut die Heimatlosigkeit ihr seelisches Strandgut.

Marthalers Menschen - zu denen eine »Freiwasserschwimmmeisterin« gehört und ein Wettbewerb dreier Tretorgler - sind in einer Weise berührend, die immer auf des Messers Schneide bleibt. Einmal heißt es: »Überleben ist ein Ignorieren von Widersprüchen.« Ist das nicht ein wunderschön lebensweiser Satz? Für diesen Satz macht Marthaler Theater. Der Widerspruchskrieg zwischen Wildnis in uns und Ordnung um uns. Das Gesetz als Keim des Terrors - den das Gesetz dann bekämpft. Tamino, der »Zauberflöte« entflohen, muss seine Bayern-Tauglichkeit nachweisen und aufzählen, was an Stoffen in der Weißwurst steckt. Und in zahlreichen Sprachen wird das Wort »Bodensee« deklamiert. »Liqeni i Bonenit« heißt das auf albanisch. Nie weiß man, ob diese Leute ums Eingeschlossene ihrer Existenz wissen, oder ob ihr großes berührendes Elixier die Ahnungslosigkeit ist. Nie wird gewiss, ob sie noch vor oder bereits nach einer Apokalypse leben. Alles ist rasend komisch, aber zugleich von jener verwirrenden Ernsthaftigkeit, mit der das Absurde ertragen werden muss. Und ertragen werden kann.

Es ist eine große Traurigkeit zu sehen und zu hören: Denken ist unser kostbarstes Gut und zugleich die abgenutzteste Handlung. Zwischen dem, was wir uns ausdenken, und dem, was wir wirklich erfahren, besteht eine größtenteils missliche Beziehung. Speziell verwaltendes Denken hebt den Menschen heraus und macht ihn doch - sich selbst und der Ungeheuerlichkeit der Welt gegenüber - zum Fremden. Wir müssen in dieser »dem Leben anklebenden Traurigkeit« (George Steiner) einander fortwährend übersetzen, um uns auch nur halbwegs zu verstehen. Davon erzählt, singt Marthalers Truppe, allen voran Ueli Jäggi, Annette Paulmann, Jürg Kienberger, Olivia Grigolli.

Die Überstellung ins Ermatten ist Kern von Marthalers mutigem Gleichmaß oder maßlosem Gleichmut. Wer die ungelenken Eifrigkeiten dieser Untersuchungskommissionäre in Unterwäsche in sich einsickern lässt, der wird sich einer beunruhigenden Melancholie nicht entziehen können. Einer Schwermut, der sich eine trotzige Heiterkeit in den Weg stellt. Auch eine böse Fröhlichkeit: Die ausweglose Verfilzung von begrenzten seelischen Gefügen ist das gewaltigste organische Programm. Nicht die Ausbreitung und Entfaltung der Vernunft. Der Verwünschungstrieb, der diese Kreaturen so verstockt macht, der Schmerz, der in jedem Gemüt kleine feine Peinigungstechniken entwickelt - immer wieder schlägt diese große Vereinsamung um in unverschämteste Zuwendung: ins gemeinsame Musizieren. Der Wahrhaftigkeitskern: In uns tobt eine fortwährende Unterdrückung - die will bestanden sein. Und weitergegeben werden. Daher Musik und Gesang. Im Singen ist Lügen am erträglichsten: Die Heimat ist nah, die Liebe auch. Wo beides doch aber unendlich weit weg bleibt.

Es wird Grausames geredet und Schönes gesungen. Grausam, wie da schön gesungen wird. Vier Männer stülpen sich Pissoirbecken über den Kopf und singen ins Porzellan, als liebkosten sie Alphörner. Wie salbungsvoll, diese Druckkammersänger! Immer herzig, immer herzlos. Immer lodert eine liebenswerte Schwächlichkeit in den Menschen, immer aber auch eine kollektive Kraft, die alles Schwächliche ins Gnadenlose drückt, ins Tückische. Lösungen werden übrigens auch gefunden: Bretter und Stacheldraht - womit man sich verbarrikadiert. Der Horror im Heimeligen, im Amtlichen, im Geregelten. Verletzte wollen verletzen - als wären sie dann weniger verwundet. Theaterglück, Theaterglück!

Nächste Vorstellungen: 13. und 26. Juli

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