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Bosbach flieht nicht nur vor Ditfurth

Robert D. Meyer über Aufmerksamkeitsökonomie, misslungene Polittalks und warum niemand mehr über die eigentlichen Argumente redet

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 4 Min.

Aus der Sicht eines TV-Senders hat der vorzeitige Abgang des Gastes aus einem Polittalk einen entscheidenden Vorteil. Die Produzenten können sicher sein: Am nächsten Tag spricht, erklärt und schreibt beinahe jedes journalistische Medium über den vermeintlichen Eklat. Aus dieser Perspektive der Aufmerksamkeitsökonomie dürfte Sandra Maischberger nicht völlig unglücklich darüber sein, dass ihr gleichnamiger Polittalk in der ARD vom Mittwochabend eben einen solche Anlass bot. Knapp 15 Minuten vor Ende der Sendung räumte Wolfgang Bosbach (CDU) seinen Platz, weil er die Diskussion mit der linken Politikerin Jutta Ditfurth nicht mehr ausgehalten haben will. »Frau Ditfurth ist persönlich, vom Verhalten, und von ihrer - in Anführungszeichen - Argumentation unerträglich«, erklärte er, bevor er auf direktem Wege das Studio verließ. Via Bild.de schob er Ditfurth am Donnerstag noch einmal die Schuld zu und sprach davon, dass er »schon einen Herzschrittmacher« habe und »keinen zweiten« brauche.

Für seinen vorzeitigen Abgang bleibt Bosbach auch kaum ein andere Erklärung zu seiner eigenen Verteidigung. Nicht unwichtig ist die Frage, ob es dem CDU-Politiker genauso schwer gefallen wäre, der Dinge einfach auf seinem Sessel zu harren, wäre sein Gegenüber ein männlicher völkischer Nationalist gewesen und keine linke Publizistin, die im Gegensatz zu Bosbach bei den Ereignissen rund um den G20-Gipfel live in Hamburg dabei gewesen ist. Wer Ditfurths Erlebnisse nachvollziehen will, kann dies auf Twitter.com unter @jutta_ditfurth tun. Da zeigt die Linkspolitikerin unter anderem ein Foto vom Sonntag, wie vor der Roten Flora kostenlos Lebensmittel verteilt werden. Das ist genau jenes linke Kulturzentrum, das Politiker vom Schlage Bosbachs am liebsten zum Hauptverantwortlichen für die Ausschreitungen des Wochenendes machen wollen und deshalb dessen Schließung fordern.

Auch in der Diskussion wiederholte Bosbach die von der Union mitgetragene Erzählung von den »bürgerkriegsähnlichen Zuständen«, ohne auch nur selbst einen Fuß in das Schanzenviertel gesetzt zu haben. Korrigierende Töne, wie sie etwa Ditfurth lieferte, sind für einen, der ansonsten die »Law-and-Order«-Politik liebt, offenbar schwer zu ertragen.

Bosbachs vorzeitiger Abgang führte zu einem interessanten Effekt: Über die tatsächlichen Inhalte des Maischberger-Talks wird jetzt nur noch am Rande geredet, der notwendige Faktencheck fällt zulasten einer Inszenierung aus, die letztlich auch zur Logik und Tragik des Mediums Fernsehen passt. Der Knall (oder in diesem Fall der Abgang) ist im Sinne der Aufmerksamkeitsökonomie viel spannender als der Austausch von Argumenten, da er bildgewaltiger daherkommt. Das knappe Gut Aufmerksamkeit des Zuschauers wird somit vom eigentlichen Inhalt abgelenkt, weshalb rückblickend kaum mehr verhandelt wird, ob nun Bosbachs oder Ditfurths Erzählung zu den Ereignissen rund um den G20-Gipfel näher an der Wahrheit liegt. Ironischerweise hat die Öffentlichkeit eben diesen Effekt zum gleichen Thema erst dieser Tage erlebt. Oder kann mit Ausnahme einiger Politnerds jemand wenigstens drei inhaltliche Einigungen aufzählen, die von den Staats- und Regierungschefs in den Hamburger Messehallen erzielt worden sind? Wer außer den direkt oder indirekt Beteiligten der Anti-Gipfel-Proteste kann deren inhaltliche Kritik wiedergeben? Worin liegt die Motivation Linksradikaler, friedliche Sitzblockaden zu errichten oder im weniger friedlichen Fall Barrikaden anzuzünden? Wo verläuft der Grat zwischen dem Akt des zivilen Ungehorsams, militanten Aktionen und einem Ausbruch von Gewalt als Ausdruck der eigenen Unfähigkeit, Kritik und auch Wut anders zu artikulieren? Alles Fragen, die bei Maischberger hätten verhandelt werden können, wäre den Diskutanten daran wirklich gelegen gewesen. Für eine solche Form der Aufklärung im TV-Format des Talks fühlt sich dann Gert Scobel bei 3sat zuständig.

Dabei könnte sich der Polittalk von seiner wissenschaftlich geprägten Schwester im Nischenprogramm der Drittprogamme nicht nur die inhaltliche Tiefe einer Diskussion abschauen. Allein an Grundsätzen des gegenseitigen Respekts mangelt es vielen TV-Polittalks, deren Atmosphäre dann eher an einen Stammtisch erinnert. Da schwang beispielsweise mehr als nur ein sexistischer Unterton mit, als etwa Polizeifunktionär Joachim Lenders (CDU) Ditfurths Ausführungen zu auch in den Medien aufgegriffenen Fällen von Polizeigewalt während des G20-Gipfels mit den Worten kommentierte: »Sie haben ja sowieso keine Ahnung! Es ist doch einfach Gesabbel, was Sie da machen! Einfach dummes Gesabbel!« Dass Ditfurth allein schon deshalb einen schwereren Stand hatte, weil sie erstens eine Frau und zweitens eine Linke mit streitbarer Haltung ist, bewies im Nachhinein eine vielsagende Beschreibung bei Bild.de. Da wurde die Ex-Grüne als »abgerockte Ex-Drama-Queen der deutschen Talk-Szene« vorgestellt.

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