Wer braucht schon Wasserlage?

Wo Grünaus Betonwerk stand, hätten Bürgerplattformen lieber eine Wohnstadt statt Gewerbe

  • Von Tomas Morgenstern
  • Lesedauer: 4 Min.

Grünauer Straße 210-216, Straßenbahnhaltestelle »Betonwerk«. Jenseits der Straße, zwischen Teltowkanal und Bahntrasse, stehen Fertigungs- und Lagerhallen, Bürobauten. Über sandigen Freiflächen steht der Staub. Größer könnte der Kontrast zu den gediegenen Eigentumsquartieren wie etwa dem »52° Nord«, die wenige Hundert Meter entfernt zwischen Regattastraße und Dahme-Ufer entstanden sind, kaum sein. Geht es nach den Berliner Bürgerplattformen, soll sich das in absehbarer Zeit ändern.

Bis 1990 produzierte hier das Betonwerk Grünau des Wohnungsbaukombinats Berlin Fertigelemente für die Plattenbausiedlungen der DDR-Hauptstadt. Seither haben sich auf dem 300 000 Quadratmeter großen Areal Unternehmen angesiedelt; Baustoff- und Recyclingfirmen, Dienstleister und Handwerksbetriebe. »Gerade erst hat der neue Eigentümer den kleineren Firmen die Pistole auf die Brust gesetzt: höhere Preise oder keine Vertragsverlängerung«, sagt Sven Bloßfeld, Betriebsleiter der »Graf Spezialbaustoffe GmbH«. Das Areal gehört der »Cöpenicker Industrie Beteiligungen GmbH«, ihr Geschäftsführer ist Antonio Samos Sanchez.

Vor allem die Recycling- und Abfallbranche hat einen schweren Stand. Lärm, Staub und Gestank sorgen immer wieder für Ärger mit Anwohnerinitiativen. Der Verein »Zukunft in Grünau« etwa macht Front gegen das »Müllgebiet«, das zudem Tag für Tag von unzähligen Schwerlastern über die Regattastraße angesteuert wird.

Vor einer Woche herrschte ausgelassene Stimmung auf dem alten Industrieareal. Vertreter der Berliner Bürgerplattformen, das sind miteinander vernetzte lokale Organisationen, Gruppen, Initiativen, gesellschaftliche und kirchliche Einrichtungen, besichtigten die Liegenschaft. Zusammengeführt hatte sie ein ehrgeiziges Vorhaben: Gemeinsam mit der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB) arbeiten sie an einem Projekt zur Schaffung von bezahlbarem Wohnraum. Und aus ihrer Sicht wäre dafür das Gelände am Teltowkanal der geeignete Standort. Es geht um ein neues Stadtviertel mit bis zu 6000 Wohnungen samt Infrastruktur. Im rbb-Fernsehen sprach Elke Schilling von der Bürgerplattform Wedding-Moabit von Kitas, Schulen, Gemeindezentrum, interkulturellem Zentrum - eben allem, was eine lebenswerte Community brauche.

Dass es sich um ein aktives Gewerbegebiet handelt, schien keinen der Veranstalter der Zusammenkunft ernsthaft anzufechten. Vor Ort unterzeichneten Vertreter der bisher drei Bürgerplattformen Berlin-Südost, Wedding-Moabit und Neukölln mit dem Unternehmer Antonio Samos Sanchez und dem Deutschen Institut für Community Organizing der KHSB eine Kooperationsvereinbarung.

Institutsleiter Leo J. Penta ist glühender Vorkämpfer des Wohnprojekts. Der Professor findet es »nicht nachvollziehbar«, dass der Stadtbezirk Treptow-Köpenick unbeirrt an der Entwicklung des Gewerbestandortes festhält. »Vor allem in Oberschöneweide gibt es noch viel Platz. Und da, denken wir, könnte man Abstriche bei den Plänen machen, Wohnungen dort zu bauen«, sagte er vor laufender Kamera. Penta, der 2001 mit »Organizing Schöneweide, Menschen verändern ihren Kiez« die erste und zudem erfolgreiche Bürgerplattform in Deutschland gegründet hatte, fordert angesichts der Wohnungskrise in Berlin von der Stadtentwicklungspolitik auf Bezirks- aber vor allem auch auf Senatsebene »mehr Bereitschaft, darüber zu reden, mehr Flexibilität, mehr Pragmatik und weniger Ideologie und Basta-Politik«.

Bezirksstadtrat Rainer Hölmer (SPD) sieht sich durchaus nicht als Gegner der Bürgerplattformen. »Was ich grundsätzlich unterstütze, ist das Anliegen, sozialen Wohnungsbau zu schaffen«, sagt er dem »nd«. »Das ist im Stadtbezirk tatsächlich unsere Achillesferse.« Aus diesem Grund erhielten städtische Wohnungsbaugesellschaften Priorität vor privaten, das sei eine politische Entscheidung. »Es reicht aber nicht, Wohnungen zu schaffen. Die Leute brauchen auch Flächen, um arbeiten können.«

Hölmer stellt klar, dass das Gebiet an der Grünauer Straße im Flächennutzungsplan als Gewerbefläche ausgewiesen ist. Die Einschätzung des Bezirks, dass eine Wohnbebauung ist daher unzulässig ist, teilt auch die Senatsverwaltung. »Wir wollen das Areal als Teil eines Gewerbegürtels entlang dem Teltowkanal zwischen Grünauer Straße und Adlergestell entwickeln«, so Hölmer. Auch an einer Lösung für die Verkehrsanbindung, die auch die Wohngebiete an der Regattastraße und am Glienicker Weg entlasten soll, arbeiteten Bezirk und Senat gemeinsam.

Der Stadtbezirk hat der Plattform Berlin-Südost die Mitarbeit an einem anderen, kleineren Entwicklungsgebiet angeboten. Am früheren Güterbahnhof Köpenick, zwischen Hirschgarten und dem Flüsschen Erpe, ist eine Mischnutzung aus Gewerbe, Wohnen und Grün vorgesehen. Andreas Richter ist seit 2013 Community-Organizer der Plattform, die aus Pentas »Organizing Schöneweide« hervorgegangen ist. Er sagt, dass man über dieses Angebot noch nachdenke. Zugleich wolle man aber mit dem Stadtbezirk und dem Senat weiterhin auch über das Betonwerk-Gelände sprechen. »Wir wollen die Stadt mitgestalten«, betont er. Es gehe allen drei Plattformen dabei gemeinsam um die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum. Dafür sehe er bislang jedenfalls weitaus bessere Möglichkeiten in Grünau, so Richter. Zumal ihnen mit Antonio Samos Sanchez ein Investor zur Seite stehe, den man seit über 15 Jahren sehr gut kenne und der vor Jahren selbst in das Regionalmanagement investiert habe.

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