Konzertierte Aktion im Einzelhandel

Streiks für mehr Geld und gegen Konzernmacht

  • Von Jan Panzieri, Leipzig
  • Lesedauer: 3 Min.

»Die Arbeitgeber versuchen uns gegeneinander auszuspielen«, fasst eine ver.di-Vertrauensperson von Amazon die Lage im Einzelhandel zusammen. Die Konkurrenz zwischen den Unternehmen werde auf die Beschäftigten übertragen. Firmen argumentieren, dass im Onlinehandel die Tarifbindung flächendeckend unterlaufen werde. So sichern sich die Onlineunternehmen Extraprofite durch Nutzung des Internets und zahlen zusätzlich unterdurchschnittliche Löhne. »Gemeinsame Aktionen lassen die Konkurrenz brechen«, ist die ver.di-Vertrauensperson sicher. Hier kämen Beschäftigte aus tarifgebundenen und nicht-tarifgebundenen Unternehmen sowie Organisationen wie das Streik-Solidaritätsbündnis Leipzig zusammen.

700 Menschen kamen am Freitag zu einer Demonstration, die durch die Leipziger Innenstadt zog. Am 31. Mai waren die Gehalts- und Lohntarifverträge für den Einzel- und Versandhandel gekündigt worden. Zwei Tarifrunden gab es inzwischen. Ohne Erfolg, denn die Angebote der Kapitalseite seien ein Witz, sind sich viele einig: 1,5 Prozent Lohnerhöhung 2017 und noch einmal ein Prozent 2018. Daher streiken Mitarbeiter aus dem Baumarkt Obi, der Textilkette H&M, den Lebensmitteldiscountern Aldi, Netto und Kaufland sowie dem Möbelgroßhändler Ikea aus Halle, Magdeburg, Dresden oder Leipzig gemeinsam mit Kollegen des Onlineversandhändlers Amazon, der sich bisher weigert, den Einzelhandelstarifvertrag anzuwenden. Dezentrale Aktionen mit je 100 Streikenden fanden in Erfurt und Gera statt. In Ilmenauer Filialen von Kaufland wird die Arbeit ebenso niedergelegt wie im Marktkauf Sonneberg oder der Kaufland-Filiale in Gera-Lusan. Die gemeinsamen Warnstreiks gehen über den formalen Rahmen von Tarifverhandlungen hinaus. Es sei eine »Aktion für Allgemeinverbindlichkeit« heißt es von ver.di.

Das Besondere ist, dass Streikende aus tarifgebundenen Firmen gemeinsam mit solchen aus nicht-tarifgebundenen streiken. Für Letztere wäre ein verbesserter Tarifabschluss nur mittelbar relevant, wenn die Gültigkeit des Flächentarifvertrags im eigenen Konzern erkämpft werden kann. Thomas Schneider, Gewerkschaftssekretär des Fachbereichs Handel in Nordsachsen, hält die Strategie für sehr wichtig. Die Schwächung der Tarifbindung habe nicht nur Auswirkungen auf die Entlohnung, sondern auch auf die Arbeitsverhältnisse. Den Beschäftigten würden mit der Schwächung der Tarife Möglichkeiten genommen, ihre Arbeitsbedingungen zu beeinflussen. Die gemeinsame Aktion sei »eine tolle Sache, die richtig Wirkung erzielt«.

Die Demonstration ist laut, das Pfeifen und Rasseln ohrenbetäubend. In vielerlei Hinsicht bleibt sie jedoch in der traditionellen Struktur gewerkschaftlicher Auseinandersetzungen - mit Warnwesten und moralisierenden Appellen von ver.di.

Das Streik-Solidaritätsbündnis Leipzig rief Studierende und Linke dazu auf, sich zu beteiligen. Die Auseinandersetzung bei Amazon und im Einzelhandel stehe nämlich für gesamtgesellschaftliche Probleme. Prekarisierung gelte mehr denn je auch für Studierende. »Ein Angriff auf einen, ist ein Angriff auf alle«, hält ein Aktiver des Bündnisses fest. Es gehe nicht nur darum, die gesellschaftliche Vereinzelung und die Konkurrenz der Beschäftigen untereinander aufzuheben, sondern auch um die Frage, wie eine Gesellschaft möglich ist, in der nicht der Profit die Produktions- und Reproduktionsbedingungen festlegt, sondern diese nach den Bedürfnissen von Menschen eingerichtet werden.

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