Von Tom Strohschneider

Der kommende Aufwand

»Eine Linke braucht es nicht mehr«, heißt es jetzt. Wirklich? Über bürgerliches Nichteinverstandensein und noch nicht gebaute Brücken

Der kommende Aufwand

Man wird vielleicht dereinst sagen können, die Debatte über die Randale am Rande des G20-Gipfels hat mehr gebracht als Ermahnungen zur Distanzierung, geistiges Türstehertum und Ausmessungen der Ränder dessen, was angeblich »wirklich links« ist. Womöglich kommt da doch noch etwas anderes heraus, etwas, das den kommenden Aufwand erkennen lässt. Angestoßen von Randale im Schanzenviertel, die jetzt bisweilen als Abklatsch jenes »kommenden Aufstandes« betrachtet wird, der vor ein paar Jahren vor allem das Feuilleton entzündet hatte.

War das aber wirklich »ein Primärtext der Autonomen und Radikalen, der Konsensverweigerer und kategorischen Gegner der herrschenden Verhältnisse«, fragt sich Claudius Seidl in der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« - oder führt schon diese Annahme in einen Nebel, den die Turbulenzen nach dem G20-Gipfel ein wenig wegblasen könnten? Seidl zitiert eine Passage, die als »Litanei des Enteignet- und Entfremdetseins von den meisten Stadtbewohnern und Arbeitsplatzbesitzern in der westlichen Welt problemlos fortgeschrieben werden könnte«. Oder deutlicher noch: »Man kann es auch so sagen, dass in diesem linksradikalen Text das Unbehagen durchaus bürgerlicher Schichten beschrieben wird.«

Das ist deshalb ein bemerkenswerter Hinweis, weil in der Debatte nach dem Gipfel bisher vor allem danach gesucht wurde, wie sich »das Linke« vom Rest trennen lässt. In der unbedingten Ermahnung zur Distanzierung von Gewalt, die zur Einlasskarte zum Diskurs wurde, fand diese Grenzziehung einen Ausdruck. Zugespitzt in der Behauptung, »Gewalt und Zwangsmaßnahmen« lägen in der DNA der Linken, weil diese von »moralischer Überlegenheitsgewissheit« getrieben, sich als »Vollstrecker des Weltgeistes« sehend, sozusagen naturgesetzlich zur Gewalt greifen müsse (Alexander Grau in »Cicero«).

Auf diese Weise ließe sich die ganze Angelegenheit so leicht wie autoritär entsorgen - von der eher fürs politische Terrain geeigneten Idee, Fußfesseln für Leute einzuführen, von denen man bloß annimmt, sie könnten bei der kommenden Demonstration Straftaten begehen (Bundesinnenminister de Maiziere auf allen Kanälen), bis zu der mehr fürs intellektuelle Parkett gedachten These, dass es eine Linke »womöglich« gar nicht mehr brauche, weil diese in antikapitalistischer Ohnmacht erstickt sei, nachdem das Modell der sozialdemokratischen Bearbeitung der Klassenwidersprüche wegen der Globalisierung an sein Ende gekommen sei (Armin Nassehi in der »Zeit«).

Treibstoff Ungleichheit

Das eine, den Abgesang auf die Linke, könnte man durchaus als Begründung des anderen, die Androhung der Strafe, lesen. Da kann einem schon ein bisschen bange werden, und das führt in der Debatte zu einem wiederum guten Nebeneffekt, der erahnen lässt, wo der kommende Aufwand einer Linken liegen könnte.

Denn nicht jeder will im Chor mitsingen. In der »Welt« hat Felix Stephan auf eine Dimension hingewiesen - die der politischen Ökonomie -, die in den Abgesängen auf die Linken allenfalls am Rande auftaucht, da die Kritik an ihr vor allem als historische Generalabrechnung oder moralische Bankrotterklärung daherkommt. Der »Treibstoff ist die Ungleichheit«, schreibt Stephan, »und solange es die gibt, wird man auch die Linke nicht los«.

Nassehis »Eine Linke braucht es nicht mehr« funktioniert ja auch nur, indem eine recht differenzierte, in vielen Facetten existierende Kapitalismuskritik auf die Parole vom »Abschaffen!« reduziert wird. Dafür gibt es natürlich immer Beispiele, sie wurden auch in Hamburg auf Transparenten herumgetragen, aber die »Kontingenzformel linker Protestformen« ist das mit Sicherheit nicht.

Dass die linke Orientierung auf einen Zustand danach oder einen des dauernden Übergangs, wenn man so will, auf die Höherentwicklung, ohne exakten Plan dasteht, ist so richtig, wie die Kritik, dass »nicht genau bestimmt werden könnte«, was Antikapitalismus »bedeutet und wie das bewerkstelligt werden sollte« nur auf das Wesen der Utopie selbst hinweist, die sich von einem Koalitionsvertrag oder einem Fünfjahrplan doch genau darin unterscheidet, das Kommende nicht exakt zu bestimmen.

Kommunistisches Manifest, nihilistisches Pamphlet

Was wiederum nicht heißt, dass es keine Tonalitäten, Färbungen, auch grundlegende Differenzen gibt zwischen Texten, die für sich das Utopische in Anspruch nehmen. Seidl erklärt eine davon in der Kluft, die zwischen dem »Kommunistischen Manifest« und dem »Kommenden Aufstand« liegt. Wer letzteres Pamphlet, diese »große Entfremdungsklage überhaupt für eine linke Position hält«, der könne nicht zugleich Karl Marx’ und Friedrich Engels’ Manifest »für ein linkes Dokument halten, jenen Text, der all das« begrüßt, was vom »Unsichtbaren Komitee« beklagt wird.

Während die deutlich ältere Schrift gerade auf die Auflösung des Alten, auf das Verdampfen des Gewohnten, das Entweihen des als heilig Angesehenen hinauswill, jammert das jüngere Buch, »dass wir massenhaft aus jeder Zugehörigkeit gerissen wurden, dass wir von nirgendwo mehr herkommen«. Dagegen soll dann Krach und Remmidemmi helfen? Beliebig in seiner nihilistischen Grundhaltung nannte das damals ein linker Kritiker. In der Erinnerung sieht es auch so aus, als wäre das »bürgerliche« Feuilleton damals elektrisierter gewesen von dieser Schrift als die Linken selbst, die eher skeptisch blieben. Und »in den heißen Vorstadtquartieren«, meinte seinerzeit Gero von Randow, also in den gern so genannten sozialen Brennpunkten, »liest niemand solche Manifeste«.

»Mit Neugier und gewisser Sympathie«

Am Beispiel des Verhaltens zur Roten Flora auch nach dem G20-Gipfel bemerkt Seidl nun eine »gewisse wohlwollende Indifferenz, vielleicht sogar Neugier und Sympathie für diese Projekte bis weit in bürgerliche Kreise«, und da schließt sich ein Kreis: Wenn in Pamphleten wie dem »kommenden Aufstand« und in dem, was Randale wie jene von Hamburg an Bildern erzeugt auch in »bürgerlichen Schichten« etwas »mit Neugier und einer gewissen Sympathie« gesehen wird, dann wird daraus für die Linken eine Frage - nämlich die danach, warum das nicht politisch wirksam gemacht werden kann.

Ein Dilemma wird da auch sichtbar: Einerseits die Attraktivität, die Seidl feststellt, die heimliche Sehnsucht danach, »sich komplett den herrschenden Verhältnissen zu verweigern«, weil darin »ein Jenseits des globalen Kapitalismus« zumindest noch aufscheint, eine sonst für unmöglich erklärte Alternative, kurzum: »die Möglichkeit des Nichteinverstandenseins« – andererseits findet das, was da ersehnt wird, ausgerechnet in einem Akt Ausdruck, der ebenfalls abgelehnt wird, wenn auch gerade aus dem Korsett des Einverstandenseinmüssens mit dem Status quo heraus.

»Die ganze Bewegung läuft sich dumm. So kommt sie den Herrschaften niemals bei. Sie wird niemals über Blöcke und Blockaden hinauskommen«, schreibt Mescalero in der »Tageszeitung« über die linksradikale Szene. Das ist nicht falsch, aber was ist dann richtig? Zur SPD fällt Seidl auf, dass keiner den Mumm habe, daran zu erinnern, »dass die Sozialdemokraten eigentlich immer mit und meistens ganz vorne dabei waren, wenn es darum ging, allen Aufruhr, jede Rebellion in Deutschland niederzuschlagen«.

Vor diesen beiden Polen des gesellschaftlichen Linksseins sitzen nun »Menschen, die bürgerlichen Berufen nachgehen«, und die zwischen Angela Merkels bewegungsloser »Sie kennen mich«-Kontinuität und leerer SPD einerseits sowie der offenen Tür in ein »Draußen« jenseits des kapitalistischen Normalvollzugs andererseits hin und her gerissen sind, einem Draußen, nach dem man sich bei allem Wunsch des Geordnetseins doch irgendwie sehnt. Derzeit bekommen viele davon nur Nackenschmerzen, weil ihr Kopf sich immerzu nach beiden Seiten recken muss, ohne dass dort oder hier etwas den Blick wirklich fesselt. Seidl zum Letzten: Es »zeigt sich darin ein Problem der Linken: dass es ihnen an Imagination und Mut und Optimismus fehlt, das Nichteinverstandensein in Politik zu übersetzen«.

Was darin an Fragen steckt, richtet sich nicht nur an eine Organisation, an eine Partei, an eine Denkströmung. Es geht nicht nur um die ewige Regierungsfrage, um die Grenzen von Handlungsfähigkeit, um die Formen der Aktion, es geht um die Brücken, die noch nicht gebaut sind. Das ist der kommende Aufwand. Man wird ihn mit dem Aufstand von gestern nicht bewältigen. Aber vielleicht wird man dereinst sagen können, die Debatte über die Randale am Rande des G20-Gipfels hat mehr gebracht, als es zunächst den Anschein hatte.

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