Von Björn Hayer

Bewegungen ins Nichts

Auf der Lore durch die Irrwege der Moderne. Eine Ausstellung in Frankfurt beleuchtet das Werk Marc-Antoine Mathieus

Marc-Antoine Mathieu: »Richtung« (2014/15) Abb.: Reprodukt/M.-A. Mathieu
Marc-Antoine Mathieu: »Richtung« (2014/15) Abb.: Reprodukt/M.-A. Mathieu

Wir schauen in einen schwarzen Raum. Was ihn, der an sich kein Ende zu haben scheint, einzig unterteilt, sind Tausende von quadratisch geschnittenen Büros. Uniformität als Prinzip. Von oben betrachtet: Wabenarchitektur. Wege führen hier nur über die obere Kante der schmalen Kabinenwände. Doch wohin? Wie findet man sich an einem Ort zurecht, an dem alles gleich aussieht? Verlaufen ist in dem Comic »Gefangener der Träume: Der Wirbel« (1993) also Programm.

Mit welch imaginativer Energie dessen Zeichner das Lebensgefühl der Moderne einzufangen weiß, lässt sich aktuell in der ihm eigens gewidmeten Ausstellung »Kartografie der Träume. Die Kunst des Marc-Antoine Mathieu« im Museum für angewandte Kunst in Frankfurt (Main) studieren. In mehr als fünfzig Exponaten, darunter Originale, Reproduktionen und Filmsequenzen wird der Besucher eines so absurden wie auch in Teilen unbehaglichen Universums gewahr. Im Zentrum steht dabei jeweils der orientierungslose Mensch, fatalistisch gefangen zwischen den Widersprüchen seiner Zeit, der Mensch also, der, um es frei mit Georg Lukács zu sagen, in »transzendentaler Obdachlosigkeit« sein Dasein fristen muss.

Wohin wir auf den Bildern auch schauen, wir sehen die Großstadt. In dem Comic »Der Anfang vom Ende« (1995) blicken wir einmal direkt eine Schlucht zwischen zwei Hochhäusern hinunter. Herausstechen inmitten der monochromen Fensterfronten mag nur ein surreales Element, das im Übrigen zahlreiche seiner Werke durchdringt: ein in der Luft befindliches Gleis mit einer besetzten Lore. Kurvenreich zieht es sich wie eine Achterbahn durch das Bild. Noch bedeutungsvoller mutet dieselbe Metapher in »Der Anfang vom Ende« an, worin die Figuren sich in einer Szene in einer Schleife drehen. Bezeichnenderweise gibt es keinen Ausgang aus dem permanenten Kreisen. Umso absurder wirkt die ins Nichts zielende Fahrbewegung.

Während Mathieus Grafiken sich einerseits von der Realität entfernen, ja, imposante Gegen- und Traumwelten entwerfen, bleiben sie in ihrer Aussagekraft stets der Wirklichkeit verpflichtet. Gerade der Kontrast schärft überhaupt die Differenzqualität. So erweist sich das Schienen- und Achterbahnmotiv als kritisches Moment gegenüber dem vor allem im 19. Jahrhundert verstärkt sich manifestierenden Fortschrittsgeist der Industrialisierung und Automatisierung. Der Mensch erhebt sich zu seinem eigenen Schöpfer, strebt nach Höherem, wobei er sich immer wieder verirrt. Götter sind dem Subjekt der Moderne seit Schopenhauer, Feuerbach, Nietzsche und Marx ohnehin längst obsolet geworden, weswegen der Horizont in Zeichnungen des Comicautors auch konsequent schwarz gehalten wird.

Selbst wenn diese künstlerischen Gesellschaftsdiagnosen manchenteils allzu humorvoll-verschmitzt daherkommen, zeigen sie radikal jenen brüchigen Grund auf, auf dem das anfangs emphatisch gefeierte Gebäude der Moderne errichtet wurde. Eine Zeichnung aus »Richtung« (2014) fasst die ganze Tragik dieser von Verwerfungen und Unwägbarkeiten geprägten Epoche pointiert zusammen: Ein Mann mit Hut und Mantel blickt auf den Boden, worin sich ein Riss offenbart. Droht er irgendwann hinabzufallen? Wie sicher ist das Fundament seiner Welt noch?

Dass Matthieus Comics und Graphic Novels allesamt politische Implikationen zu erkennen geben, wird insbesondere an dessen Freude an Irritationen deutlich. Stets versetzt er seine Figuren in für sie fremdartige Umstände und bricht mit Gesetzen der Logik und Vernunft. Erst indem er seine (Anti-)helden sowie den Leser aus gewohntem Terrain verweist, stellt sich ein Reflexionsprozess ein. Die Verzerrung schafft Bewusstsein für die Realität und deren Gemachtheit. Vor diesem Hintergrund setzen seine Werke zusammen, was er zuvor dekonstruiert hat. Die neue Welt des Comics, klassisch gehalten in Schwarz und Weiß, erweist sich daher nie als utopisch. Vielmehr versteht sie sich als Schatten einer Gegenwart, die erst in der Dunkelheit wahre Konturen gewinnt.

»Kartografie der Träume. Die Kunst des Marc-Antoine Mathieu«, bis zum 15. Oktober im Museum für angewandte Kunst, Schaumainkai 17, Frankfurt (Main)

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