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Schnell weg aus der Feuerhölle

In Mitteldalmatien an der kroatischen Adriaküste stehen die Wälder in Flammen

  • Von Elke Windisch, Dubrovnik
  • Lesedauer: 4 Min.

Es sind schwere, von der Plackerei auf dem Acker zerschundene Hände, die der Bauer Pavo Gruica vor das Gesicht schlägt, weil er die Tränen nicht länger zurückhalten kann. »Ich habe alles verloren«, schluchzt er dann vor laufender Kamera eines lokalen TV-Senders: Haus, Auto und die Ziegen, aus deren Milch der berühmte dalmatinische Hartkäse gemacht wird. Die Tiere, sagt der Bauer, seien vor Angst wahnsinnig geworden und direkt ins Feuer gelaufen statt in umgekehrte Richtung. Die Feuerwehr aus der Stadt war in weniger als 20 Minuten da. Bis dahin hatten die Dörfler versucht, selbst gegen die Flammen vorzugehen. Mit Gartenschläuchen und Feldspaten. Ein hoffnungsloses Unterfangen: In Mitteldalmatien an der kroatischen Adriaküste - eine der beliebtesten Destinationen für deutsche Sonnenanbeter - wüten seit dem Wochenende die schlimmsten Waldbrände seit Menschengedenken. Allein in Mitteldalmatien - der Region um Split, die in etwa so groß ist wie der brandenburgische Landkreis Dahme-Spree - sind derzeit vierzehn Brandherde aktiv.

Lichterloh brennt es auch bei den Nachbarn in Bosnien und Montenegro. Seit Mitte Mai ist an der östlichen Adriaküste kein nennenswerter Niederschlag mehr gefallen. Nicht nur Pinien, Zypressen und Kiefern, deren Holz viel Harz enthält, brennen wie Zunder. Auch das Unterholz - die Macchia, deren glänzend grüne Blätter die Uferfelsen überwuchert. Mehrere Fernverkehrsstraßen und eine Bahnstrecke sind wegen der Flammen bereits gesperrt, Teile der Adria-Magistrale, die südlich von Split über den bosnischen Korridor nach Dubrovnik führt, sind nur einspurig befahrbar. An Ausweichstellen mit provisorischen Ampeln bilden sich lange Staus. Die Touristen wollen nur eines: Schnell weg aus der Feuerhölle.

Andere erkundigen sich bereits bei ihrem Reiseveranstalter oder bei den Vermietern, zu welchen Konditionen sie ihren Urlaub stornieren können. Sogar in der Region um Dubrovnik, die bisher von den Bränden verschont blieb. Zwar trennen die »Perle der Adria«, die zum Weltkulturerbe gehört, gut 200 Kilometer vom Epizentrum des Infernos. Aber sogar hier schmeckt die Luft intensiv nach Rauch. Doch der Himmel ist makellos blau. In Split dagegen, der zweitgrößten Stadt Kroatiens und im Sommer die heimliche Hauptstadt des Landes, herrscht selbst am hohen Mittag Dämmerung. Die Sicht beträgt oft nur anderthalb Meter. Denn die Flammen kamen den Vororten schon bedrohlich nahe. Die Nacht zu Freitag sei die letzte gewesen, in der sie durchgeschlafen habe, sagt Zahnärztin Maria Bojčić. Rauchsäulen über der blauen Adria und lodernde Wälder sind sogar auf Fotos von Satelliten zu sehen, die in einer Höhe von über tausend Kilometern um die Erde kreisen.

384 Löschzüge sind derzeit im Einsatz. Dazu kommen vier Löschflugzeuge, die insgesamt bereits 750 Flugstunden absolvierten und bis Dienstagmittag mehr als 26 000 Tonnen Wasser abwarfen.

Feuerwehrleute, Eliteeinheiten der Armee und Katastrophenschützer werden von hunderten Freiwilligen aus ganz Kroatien, darunter auch Fußball-Fanklubs, unterstützt. Sie versuchen, Schneisen zu schlagen, um die weitere Ausbreitung der Brände zu verhindern. Doch der Wind ist schneller und der dreht sich dazu mehrmals am Tage. Weht er wieder aus Westen, so fürchtet der Ziegenhalter Gruica aus Sitno Gornje, wo zehn Häuser abgebrannt sind, könnte das ganze Dorf ein Raub der Flammen werden.

Die Situation ist so dramatisch, dass Kroatiens Präsidentin Kolinda Grabar Kitarović ihren Besuch in Österreich abbrach, um sich mit den Betroffenen zu treffen. Premier Andrej Plenković sowie Verteidigungs- und Innenminister sind vor Ort. Plenković kündigte Korrekturen der nationalen Sicherheitsdoktrin an. »Wir sind nun mal ein Mittelmeerland, wo es im Sommer immer brennt. Darauf müssen wir uns schon im Winter effektiver als bisher vorbereiten.« Zu Brandstiftung durch Bodenspekulanten, wie Beobachter sie nicht ausschließen, wollte er sich nicht äußern.

Maria Novaković aus Dubrovnik verfolgt die TV-Berichterstattung mit Grausen. 2007 hatten sich die Brände so dicht an die Stadt herangefressen, dass die Stadtverwaltung bei nächtlicher Krisensitzung bereits am Feinschliff von Plänen für die Komplett- evakuierung der 40 000 Einwohner werkelte. »Alles«, sagt die Frau, »nur das nicht noch mal erleben.« Als gute Katholikin bete sie natürlich zur Heiligen Jungfrau. Doch ob das hilft, da ist sie sich so sicher nicht. Eine alte Bauernregel besagt, dass erste Niederschläge frühestens zu Mariä Himmelfahrt zu erwarten sind.

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