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Spielen in einer Scheinwelt

Die DFB-Fußballerinnen trennen sich torlos von Schweden, die UEFA agiert fragwürdig

  • Von Alexander Ludewig, Breda
  • Lesedauer: 4 Min.

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Stereotypes kann auch Spaß machen. Aus den Boxen im Rat-Verlegh-Stadion schallten erst die bekannten Stimmen von ABBA, etwas später dann die 99 Luftballons von Nena. In Breda hatten sich am Montag die Fußballerinnen aus Deutschland und Schweden getroffen, um ihr erstes Spiel bei der Europameisterschaft in der Gruppe B zu bestreiten. Die Fans beider Teams genossen den Abend: Vor dem Anpfiff tanzten sie zu beiden Songs, während der Partie ließen sie gemeinsam die Laola-Welle kreisen, nach dem torlosen, aber unterhaltsamen Remis bejubelten sie ihre Spielerinnen.

Der Sport lebt von solchen stimmungsvollen Bildern, ebenso von Rekorden und Stars. Für die Fußballerinnen gilt das im Kampf um Aufmerksamkeit umso mehr. Die UEFA und ihre Marketingstrategen tun viel dafür. Manch ein Versuch des Kontinentalverbandes bei dieser EM wirkt aber schon arg verzweifelt.

Seit vier Tagen läuft das Turnier jetzt schon, die einzige offizielle Zuschauerzahl ist aber immer noch die vom Eröffnungsspiel. Vor der Partie in Breda, zu der schätzungsweise 8000 Fans gekommen waren, hatten in der Gruppe B Russland und Italien gegeneinander gespielt. Den russischen Fußballerinnen gelang ein Überraschungserfolg. Das 2:1 im Rotterdamer Sparta-Stadion wollten jedoch rund 20 000 Zuschauer weniger sehen als den Auftaktsieg der Niederländerinnen am Sonntagabend - nicht mal 700 sollen es gewesen sein. Warum die UEFA dies verschweigt, weiß nur sie genau. Auf nd-Nachfrage gab es darauf keine klärende Antwort. Aber eine heile Scheinwelt aufzubauen, hilft nachhaltig niemanden.

Glücklicherweise hat sich die UEFA rechtzeitig genug von Gewohntem getrennt. Noch kurz vor dem Turnier war in Presseinformationen zu Abläufen an Spieltagen tatsächlich von der Ehrung des »Man of the match« zu lesen. Jetzt heißt es immerhin »Player of the match«. Als beste Spielerin wurde in Breda die deutsche Kapitänin Dzsenifer Marozsan ausgezeichnet. Eine Wahl, die man nach den 90 Minuten treffen kann, aber keinesfalls muss. Nach den Maßstäben des europäischen Verbandes war sie die einzig logische.

Cristiano Ronaldo und Lionel Messi sind zweifellos die besten Fußballer ihrer Zeit. Und so mancher Preis ist verdient, aber bei weitem nicht alle. Sie bekommen sie trotzdem - weil sie die meisten Fans und Follower in den sozialen Netzwerken haben. Ähnlich verhält es sich mit Dzsenifer Maroszan, zumindest im Rahmen der Partie am Montag. Von den Gegnerinnen drängte sich keine für die persönliche Auszeichnung der UEFA auf. Die Schwedinnen zeigten eine erwartbar gute Mannschaftsleistung: zweikampfstark und kompakt in der Defensive als Mannschaft. Gefährlich wurden sie nur nach Eckbällen oder den wenigen Konterattacken.

Im eigenen Team war die Konkurrenz für Marozsan größer. Kristin Demann zum Beispiel. Die 24-Jährige vom FC Bayern München zeigte im defensiven Mittelfeld über 90 Minuten eine herausragende Partie. Intelligent, mit großer Übersicht und guten Pässen baute sie immer wieder das Spiel auf. Diszipliniert hielt sie die Defensive vor der Viererkette in der Abwehr zusammen und tauchte selbst zwei Mal gefährlich vor dem Tor der Schwedinnen auf. Eine andere Kandidatin für die Auszeichnung »Player of the match« war Anna Blässe. Die 30-jährige Rechtsverteidigerin vom VfL Wolfsburg war bis zu ihrer Auswechslung in der 73. Minute die auffälligste Akteurin auf dem Platz. Weil sie im höchsten Tempo ihre Seite rauf und runter rannte, hinten meist zuverlässig verteidigte und vorn für viel Wirbel sorgte.

»Ich sehe immer das Positive«, sagte Dzsenifer Marozsan nach der Partie: »Also bin ich mit der zweiten Halbzeit zufrieden.« Das bezog sie einerseits auf die Leistung ihres Teams. In den zweiten 45 Minuten bestimmten die deutschen Fußballerinnen das Spiel und kamen mit ihren fünf guten Chancen dem Siegtreffer sehr viel näher als die Schwedinnen.

Marozsan sprach aber auch über sich selbst. Schließlich saß sie als »Player of the match« auf dem Podium des Presseraums. In der ersten Halbzeit hatte man sie kaum wahrgenommen auf dem Platz. Abgesehen von einem hübschen Hackentrick - der aber einen Konter der Schwedinnen einleitete. Nach dem Wiederanpfiff zeigte sie dann in Ansätzen, warum sie die »wichtigste Spielerin«, wie sie Bundestrainerin Steffi Jones nennt, sein könnte: drei gefährliche Flanken vor das Tor der Schwedinnen und der eine oder andere öffnende Pass.

Das reichte der UEFA, um sie ins Rampenlicht zu stellen. Warum? Weil sich der Name Dzsenifer Marozsan am besten vermarkten lässt. Die 25-Jährige verfügt über eine außergewöhnliche Technik, schießt viele Tore und sie ist Spielmacherin. Auch bei der DFB-Elf trägt sie die begehrte Nummer 10 auf dem Rücken. Zudem spielt sie bei einem europäischen Topklub: Mit Olympique Lyon gewann sie in dieser Saison das große Triple - Meisterschaft, Pokal und Champions League. Ihre Ausnahmestellung muss Marozsan bei der Europameisterschaft aber erst noch mit entsprechenden Leistungen rechtfertigen. Am Montagabend, im bislang besten Spiel des Turniers zwischen den zwei Titelfavoriten, gelang ihr das noch nicht.

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