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Netzwerker, Förderer, Mensch

Das Georg-Kolbe-Museum würdigt den Kunsthändler Alfred Flechtheim

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 3 Min.

Er war beileibe nicht der einzige, den die Enteignung traf. »Gute Geschäfte« - so der Titel einer Ausstellung im Jahr 2012 - ließen sich nach dem Machtantritt der Nazis mit dem Raubgut aus jüdischen Galerien machen. Unter dem halben Dutzend Kunsthändler, an die damals im Museum Mitte namentlich erinnert wurde, findet sich auch einer der renommiertesten: Alfred Flechtheim. Ihm widmet das Georg-Kolbe-Museum derzeit eine eigene Ausstellung, die gleichsam seines 80. Todestags gedenkt.

Auf Anregung seines Mentors Paul Cassirer eröffnete der Sohn eines Großhändlers 1913, nach kaufmännischer Lehre in Paris, zuerst eine Galerie in Düsseldorf, dann in Cassirers Räumen am Tiergarten eine hauptstädtische Dépendance. Noch im selben Jahr 1921 konnte er in eigenen Räumlichkeiten die Galerie Flechtheim einrichten, die sich auf deutsche und, nach einem verlorenen Weltkrieg mutig genug, französische Moderne spezialisierte. Kein großes Interesse am Geldverdienen habe Flechtheim gehabt, heißt es, dafür viel Liebe zur Kunst und ihren Ausübenden. Chagall, Gris, Léger, Matisse, Picasso gehörten ebenso zu »seinen« Künstlern wie Baumeister, Beckmann, Grosz, Hofer, Klee, Sintenis. Vielen war er persönlich verbunden, richtete Einzelausstellungen aus, konnte ihre Werke an internationale Ausstellungen wie 1931 an das New Yorker Museum of Modern Art vermitteln oder an namhafte Museen verkaufen.

Anfang 1933 war Alfred Flechtheim öffentlichen Diffamierungen ausgesetzt, schon im März verlor er seine Düsseldorfer Galerie. Über Basel und Paris floh er nach London, wo er dank seiner fundierten Fachkenntnisse als Kurator wirkte. Die Berliner Dépendance ging in »arische« Verwaltung über, bevor sie 1936 liquidiert wurde. Flechtheims Frau und Mitarbeiterin Betti floh am Vorabend ihrer Deportation 1941 in den Selbstmord. Der Galerist, 1937 verstorben, musste das nicht mehr miterleben. Dass er sich nicht nur für Malertalente engagierte, sondern auch für das schwerer verkäufliche Genre Plastik, zeigt die singuläre Zusammenschau »Alfred Flechtheim. Kunsthändler der Moderne« anhand von 40 Exponaten aus musealem wie privatem Besitz.

Am Eingang empfängt Rudolf Bellings bronzener, gutmütig witzig auf Stirn, Augen, Nase, Mund reduzierter Kopf des Galeristen von 1927. Im Zentrum findet sich jenes grasende Fohlen von Renée Sintenis, das lange vor Flechtheims Berliner Galerie stand und seine Bindung an die illuster androgyne Künstlerin beweist. Der Hauptraum fächert das Kunst- und Künstlerspektrum auf, dem sich Flechtheim verpflichtet sah. Edgar Degas’ kleine Tänzerin gehört ebenso dazu wie Georg Minnes kniender Knabe, Wilhelm Lehmbrucks Mädchentorso und der abstrakte, vielfältig wahrnehmbare Dreiklang des Rudolf Belling. Julia Wallner und Co-Kurator Jan Giebel scheuten auch nicht heikle Themen. So ist einem fein schwingenden weiblichen Torso von Moissey Kogan in diagonaler Entfernung Arno Brekers ausdrucksstarke Büste des bewunderten russischen Bildhauers gegenübergestellt: Wurde der eine 1943 in Auschwitz ermordet, stieg der andere zum NS-Staatskünstler auf.

Lieber arm im Ausland als Verräter, kommentierte Flechtheim Angebote der Nazis zum Weiterbetrieb der Galerie bei Verzicht auf bestimmte Künstler und landete auf dem Plakat »Entartete Kunst«, der nun viele »seiner« Bildhauer zugerechnet wurden. Zu sehen im Kolbe-Museum ist eine berückende Vielzahl der Werke aus dem Galeriebetrieb, ob Ernst Barlachs Zweifler, Ernesto de Fioris markante Karyatiden oder die aus Zement geformte Büste der Marlene Dietrich, ob Georg Kolbes schreitender Jüngling, Aristide Maillos Bronze einer Badenden oder die bezaubernden faustkleinen Tierplastiken von Renée Sintenis. Eine Abteilung befasst sich mit Sportler-Darstellungen, etwa dem Boxer Max Schmeling von Belling.

Feste wurden bei Flechtheim gefeiert, zwei Kunstschriften edierte er. Durch sie und seine Tätigkeit als Galerist popularisierte er gut zwei Jahrzehnte lang die Moderne seiner Zeit, der freigeistigen Weimarer Republik, mit Gespür für Qualität, ungeachtet der Nationalität der Künstler und ihrer stilistischen Zugehörigkeit.

»Albert Flechtheim. Kunsthändler der Moderne«, bis zum 17. September im Georg-Kolbe-Museum, Sensburger Allee 25, Westend

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