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G20: Zweifel an Beteiligung von 70 Neonazis an Krawallen

Journalist behauptet, Rechtsradikale in Hamburg identifiziert zu haben / Experten äußern Zweifel und fordern Belege

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Die Krawalle am Rande der G20-Proteste in Hamburg warfen viele Fragen auf: Welche Rolle spielte Polizeigewalt bei der Eskalation? Wer waren die Randalierer? Und: Kann man Krawalle überhaupt politisch einordnen und als »links« bezeichnen? Zu diesen Fragen gesellt sich nun eine erschwerend hinzu: Welche Rolle spielten Neonazis bei den Auseinandersetzungen auf der Schanze?

Bereits während des Gipfels kursierten Meldungen über Neonazis und Hooligans, die sich an den Protesten gegen die G20 beteiligt haben sollen. Am Montag meldete sich dann der freie Foto- und Videojournalist Andreas Scheffel zu Wort. In einem Interview mit dem SWR gab er an, rund 70 Neonazis bei den Krawallen in Hamburg identifiziert zu haben. Belege für diese Behauptung lieferte Scheffel bislang nicht. Einige Journalisten äußerten daher Zweifel an den Angaben. »Mich haben die Behauptungen sehr überrascht. Wir haben vor Ort mit rund 15 Kollegen niemanden gesehen. Daher sind wir ja auf die Belege zu diesen Behauptungen so gespannt«, sagte etwa der Journalist Felix Steiner gegenüber »nd«. »Wenn ein einzelner Journalist es tatsächlich schafft, 70 Neonazis aus sechs verschiedenen Bundesländern zu identifizieren, wäre das eine ganz starke Recherche.«

Scheffel selbst begründet seine Zurückhaltung damit, dass er sein Material noch nicht vollständig ausgewertet habe. »Inzwischen konnte ich über 70 Neonazis sehr sicher identifizieren«, gab der Journalist dem »nd« an, »konkreter kann ich jedoch erst kommende Woche werden, wenn ich meine Analyse beendet habe.« Die Hamburger Polizei konnte bis Donnerstagnachmittag auf »nd«-Anfrage noch keine Auskünfte über festgenommene Neonazis geben.

»Ahu«-Rufe und hochgerutschte Ärmel

Erste Anhaltspunkte für die Anwesenheit von Rechten habe Scheffel über Äußerungen kleiner Gruppen gehabt, die typisch für das rechte Spektrum seien. »Komm, lass uns in die Zeckenburg rein«, etwa sei aus einem vermummten Personenkreis heraus zu hören gewesen, dem der Journalist daraufhin gefolgt sei. Später hätten die Personen »Ahu« gerufen, laut Scheffel in Deutschland ein Ausruf eher rechtsradikaler Hooligans. Felix Steiner widerspricht jedoch: Er habe selber gesehen und gehört, dass in Hamburg auch linke Autonome aus Frankreich diesen Ruf eingesetzt hätten.

Scheffel gibt weiter an, dass einigen der Männer beim Werfen von Gegenständen die Ärmel hochgerutscht seien, wodurch Tattoos mit rechten Inhalten sichtbar geworden seien. Auch die Vermummung sei immer wieder verrutscht, wodurch Gesichter erkennbar geworden seien. Eine Gruppe von rund 50 Personen habe zudem »Wir sind das Volk« gerufen und sei dem Pegida-Spektrum zuzuordnen. All dies habe Scheffel in Videos festgehalten, die er nun auswerte, indem er sie mit Fotos ihm bereits bekannter Neonazis aus den vergangenen Jahren vergleiche.

Die betreffenden Personen stammen demnach aus verschiedenen rechtsradikalen Spektren, sicher dabei sei das »Antikapitalistische Kollektiv« (AKK) sowie einige Mitglieder der »Identitären Bewegung«. Die von ihm bislang identifizierten Neonazis kämen aus Baden-Württemberg, Niedersachsen, Hamburg, Nordhrein-Westfalen, Sachsen, Hessen und Schleswig-Holstein.

Felix Steiner bezweifelt, dass Scheffel diese Arbeit als einzelner tatsächlich leisten könne, ist aber gespannt auf die angekündigten Veröffentlichungen. Keiner der bis zu 15 anwesenden Fachjournalisten, die sich seit längerem mit der Neonazi-Szene beschäftigen, habe während der Krawalle auch nur einen Neonazi identifizieren können. Es sei daher sehr wichtig, dass die Behauptungen Scheffels überprüft werden könnten, so Steiner. »Denn wenn sie stimmen und solch eine große Zahl von Neonazis an den Hamburger Krawallen beteiligt war, müssen wir die Vorkommnisse völlig neu bewerten.« Auch die Neonazi-Szene müsse neu beurteilt werden, sollte sich herausstellen, »dass 70 Neonazis sich unter linke Autonome trauten und für den Fall einer Entdeckung eine dermaßen hohe Gefahr eingehen«.

Rechtsradikale Gruppen haben auf Facebook mobilisiert

Laut dem Nachrichtenportal »Thüringen24« haben inzwischen zwei Neonazi-Gruppen bestätigt, sich an den Krawallen beteiligt zu haben. Wie das Portal am Mittwoch berichtete, habe das rechtsradikale Netzwerk »Antikapitalistisches Kollektiv« sowie die Jugendorganisation der NPD, »Junge Nationaldemokraten«, angegeben, in Hamburg aktiv gewesen zu sein. Beide Gruppen hatten zuvor auf Facebook nach Hamburg mobilisiert.

Steiner bezweifelt die Glaubwürdigkeit der Angaben jedoch: Das »AKK« habe auch behauptet, am Rande der »Blockupy«-Proteste gegen die Eröffnung des Neubaus der Europäischen Zentralbank im März 2015 in Frankfurt am Main in Erscheinung getreten zu sein. Dies sei mit keinem einzigen Foto belegt worden.

Auf Facebook teilte die Gruppe bezüglich der G20-Proteste lediglich ein Foto der rechtsradikalen Gruppe »Nordlichter« aus Schleswig-Holstein, auf dem Aufkleber mit der Aufschrift »Bezahlbaren Wohnraum schaffen – Bonzenviertel abwerten!« zu sehen sind. Fotos von AKK-Mitgliedern in Hamburg sind jedoch nicht zu finden.

Gesichert ist bislang allerdings die Information, dass die rechtsradikale US-Bloggerin und Anhängerin der »Identitären«, Lauren Southern, an der »Welcome to hell«-Demonstration teilnahm. Laut Steiner konnte auch bestätigt werden, dass rechte Hooligans in der Nacht auf Sonntag die linke Kneipe »Onkel Otto« nahe der Hafenstraße angegriffen haben. Zudem sollen sich am Samstag, den 8. Juli, elf rechte Hooligans am Hamburger Hauptbahnhof getroffen haben. Steiner ist daher ungeduldig: »Viele Fachkollegen warten gespannt auf die Auswertung des Materials durch Herrn Scheffel.«

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