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Und am Ende gewinnen stets die Deutschen

Die deutschen Faustballer sind Welt- und Europameister und verteidigen auch bei den World Games den Titel

  • Von Jirka Grahl, Wroclaw
  • Lesedauer: 4 Min.

Was macht den Reiz einer Randsportart aus? In Wroclaw bei den World Games begeistern zum einen jene Disziplinen die Zuschauer, die kein Untrainierter auch nur ansatzweise nachmachen kann: Salti und Schrauben, wie sie die Trampolinspringer in perfekter Synchronität vollführen, Lasten von 310 Kilo, die die Powerlifterinnen auf den Rücken nehmen und aus der Kniebeuge in den Stand heben. Inlineskater, die mit 60 Kilometer pro Stunde über den Asphalt rasen. Zum anderen aber verzücken auch jene Sportarten, deren Regeln leicht zu verstehen sind – so leicht, dass der Betrachter schon nach wenigen Minuten bestimmte Aktionen wiedererkennen und Feinheiten in der Taktik erahnen kann - und womöglich sogar Lust bekommt, es selbst einmal auszuprobieren.

Wie beim Faustball, dessen Massentauglichkeit in Wroclaw zu erleben ist: Nicht wenige der mehr als 1000 Zuschauer, die an diesem Dienstagnachmittag beim Endspiel der Männer die provisorischen Tribünen des Olawka-Sportplatzes bevölkern, entwickeln sich während des zweistündigen Finalkrimis zu Faustball-Enthusiasten.

Sieben Sätze lang jubeln sie den Nationalspielern aus der Schweiz und Deutschland zu - jungen Männern in dreckverschmierten langärmeligen Trikots, die drei Schläge lang Zeit haben, den Ball mit Arm oder Faust ins gegnerische Feld zu befördern, wo der Ball je ein Mal auftippen darf, ehe er in insgesamt drei Versuchen wieder gen gegnerisches Feld über die Leine befördert wird. Die Schweizer Fans begleiten ihr »Hopp Schwyz!« mit Kuhglocken, die deutsche Faustball-Community begnügt sich mit Fahnenschwenken und Anfeuerungsrufen.

Die Finalkonstellation Deutschland-Schweiz ist dabei speziell: Vier Endspiele in Folge sind diese beiden Mannschaften zuletzt bei internationalen Turnieren aufeinandergetroffen, jedesmal haben die Deutschen gewinnen können, bei den World Games 2013 in Taiwan ebenso wie bei EM 2014, WM 2015 und EM 2016. Doch in Wroclaw fehlt den Titelverteidigern aus Deutschland ihr bester Mann, Patrick Thomas aus Hessen, der als Angreifer sowohl für die Aufschläge als auch für die Angriffaktionen zuständig ist. Thomas hat sich gleich im Auftaktspiel an der Schulter verletzt - bei einem Zusammenstoß mit seinem Rosenheimer Teamkollegen Steve Schmutzler, der nun die Rolle des Vollstreckers übernehmen muss.

Und in Wroclaw scheint das Glück auf Seiten der Schweizer zu liegen: Schnell geben die Deutschen die ersten beiden Sätze mit 9:11 und 7:11 ab und nach einem 11:6-Sieg im dritten Durchgang folgt mit dem 7:11 der nächste Dämpfer. Mit 1:3-Sätzen liegen die Deutschen nun zurück.

Doch die Auswahl berappelt sich und schafft auf dem mittleweile braungetrampelten Rasen die Wende: Aufschläger Steve Schmutzler gelingen etliche Asse, immer besser bekommen die Verteidiger die langen Bälle der Schweizer unter Kontrolle, Deutschland gewinnt die Sätze fünf und sechs mit 11:8 und 12:10. Im entscheidenden siebenten Satz schließlich liegen die Deutschen lange hinten, ehe sie mit 9:8 erstmals in Führung gehen und schließlich gleich den ersten Matchball zum 11:9 vollenden. Auf dem schlammigen Grund des Olawkastadions bildet sich ein Menschenhaufen - die World-Games-Sieger 2017 feiern die unverhoffte Titelverteidigung.

Ein paar Minuten später, mit der Goldmedaille um den Hals, staunt der deutsche Angreifer Nick Trinemeier noch darüber, wie seinem Team schließlich doch der Sieg gegen die Eidgenossen gelungen ist: »Die Schweizer haben lange einen Tick besser gespielt als wir«, sagt er, »aber wir haben eben einfach ein tolles Mannschaftsgefüge. Und wir haben immer an uns geglaubt.«

Zum fünften Mal haben die Deutschen nun World-Games-Gold gewonnen, jeweils elf Mal waren sie schon Welt- und Europameister. Wenn nicht die Deutschen gewinnen, sind es zumeist die Schweizer oder die Österreicher, die bei den internationalen Wettbewerben triumphieren. Das Spiel ist deutsch geprägt: 1894 wurden hierzulande erstmals Regeln für das Spiel bestimmt, dass Johann Wolfgang Goethe schon 1786 in seiner Italienischen Reise beschrieben hat: »Vier edle Veroneser schlugen Ball gegen vier Vicentiner. Sie treiben dies sonst unter sich das ganze Jahr etwa zwei Stunden vor Nacht.« 1965 gewann die BRD-Elf den ersten Weltmeistertitel, zwei Jahre zuvor hatte die ISG Hirschfelde den ersten Titel im Europapokal der Landesmeister in die DDR geholt. Argentinien, Brasilien oder Chile sind weitere Hochburgen des Faustballs, Auswanderer exportierten das Spiel.

»Wir wollten bei den World Games neues internationales Interesse erlangen«, sagt Karl Weiss, österreichischer Präsident des Faustballweltverbandes IFA, nach dem Finale in Wroclaw: »Das ist uns hier bestens gelungen.« Weiss verweist auf die stolze Zahl von 58 Mitgliedsverbänden weltweit und darauf, dass sich die Faustballer um Aufnahme in den Verband der vom IOC anerkannten Sportverbände (ARISF) bemüht.

»Als anerkannte Sportart sichern wir unsere Teilnahme an den World Games«, sagt Karl Weiss. »Und es bleibt die ganz große Vision: Irgendwann wollen wir bei Olympia dabei sein.« Beste Voraussetzung wären für die Faustballer übrigens Spiele in Deutschland, so Weiss: »Der Gastgeber könnte bis zu fünf Wettbewerbe neu aufnehmen und Medaillenaussichten und Zuschauerzuspruch würden beim Faustball stimmen.«

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