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In montenegrinischen Olivenhainen

Martin Leidenfrost über uralte Bäume, postjugoslawische Schriftsteller und die Großzügigkeit entspannter Kataris

  • Von Martin Leidenfrost
  • Lesedauer: 4 Min.

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An meinem montenegrinischen Urlaubsort fiel mir ein Stück Literatur zu, über Olivenhaine. Nichts war mir so egal gewesen wie Oliven, und plötzlich fand mein träges Herz ein Idol. Olivenbäume sind unscheinbar. Sie sind nicht besonders schön, unbearbeitet ist ihre Frucht nicht zu gebrauchen. Sie werden abgeerntet, wenn alle anderen Ernten vorbei sind. Sie gedeihen nur am Meer, auf Steinterrassen wie sonst nur Wein. Ihr Wachsen dauert unfassbar lange. Nach 100 Jahren beginnen sie erst so richtig gut zu tragen. Sie spenden ihre Frucht viele Jahrhunderte lang, 200 oder 300 Jahre ist kein Alter, es gibt 1000-jährige. Der älteste montenegrinische Olivenbaum steht bei Bar, laut wissenschaftlicher Messung ist er 2240 Jahre alt. Die Leute kommen in seinen Schatten, um sich zu versöhnen. Er brannte zwei Mal, erholte sich, spendet immer noch Öl. Das Sterben eines Olivenbaums dauert oft länger als ein Menschenleben.

Ich traf den Sohn des Buchautors, auch er ein bekannter Schriftsteller. Da das Gespräch privat geführt wurde, lasse ich die Namen weg. Wir saßen in Tivat, unweit einer einzigartigen Marina für überlange Superjachten der Superreichen. Der Schriftsteller lebt in einer Olivenstadt. Er beschrieb mir das Holz der Olivenbäume als äußerst hart, als das beste Brennholz. Als bei seinem Hausbau drei Bäume weichen mussten, brachte ihn das weit verzweigte Wurzelwerk ins Schwitzen. In seinem bestverkauften Buch war der Bruder des Ich­Erzählers nach Übersee emigriert, weil er nach den Erniedrigungen des Balkankrieges nicht auch noch die Kulturlosigkeit der Olivenstadt ertragen konnte. Im Gespräch hörte ich von einem anderen Auslöser: Sein Bruder sei emigriert, als der Olivenhain der Familie durch Verschulden eines Nachbarn abbrannte. Sie hätten durchaus warten können, ob die Bäume nach drei oder vier Jahren wieder austreiben würden, rissen sie aber aus. Mit der Motorsäge kommst du nicht durch, du musst mit Keil und Hammer ran. Als würde er ewig leben, pflanzte der Vater einen neuen Hain.

Ich hatte mit dem Schriftsteller korrespondiert, als ich im Herbst 2016 dem angeblichen Putschversuch am montenegrinischen Wahltag nachging. Ich hielt ihn für wahrscheinlich inszeniert, der prowestliche Schriftsteller traute proserbischen und prorussischen Kreisen alles zu. Den Anklagepunkt, wonach die »Putschisten« den Herrscher Djukanović ermorden wollten, hielt auch er für unglaubhaft.

Was der Schriftsteller über die montenegrinische Oliven-Wirtschaft sagte, ernüchterte mich. Im nahen Albanien würden Oliven zum Großhandels-Kilopreis von 15 Cent verkauft, darum sei in Montenegro kaum mehr jemand zur Ernte zu motivieren. Ich lernte, dass postjugoslawische Autoren nicht vom Bücherschreiben leben können. Sie müssten schon zu einem spezifisch balkanischen Businessplan greifen: Wer eine wöchentliche Kolumne für »Al Jazeera Balkan« schreibt, kriegt von netten entspannten Kataris 400 Euro im Monat. Dieselbe Summe blättert eine saudische Stiftung hin, wenn man sich einer wahabitschen Moschee anschließt und seine Tochter verschleiert. Ich multiplizierte still, dass es ab der dritten Tochter richtig auskömmlich wird, dank des neuen Großfamilien-Muttergeldes der montenegrinischen Regierung. Nur der saudisch-katarische Konflikt könnte einen solchen Plan vereiteln.

Ich wollte natürlich in Olivenhainen flanieren und wählte die Halbinsel Luštica. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als ein Gutteil der heute montenegrinischen Küste zu Österreich gehörte, wurden auf der Luštica 98 000 Olivenbäume gezählt. 110 Jahre später sah ich viele verstreut stehende Bäume, einen Olivengarten hinter Stacheldraht, einige verwilderte Haine, und viele hatten Olivenbäume im Garten oder in der Einfahrt eines weißen Ferien-Flachbaus stehen. Dann, unterhalb der Luka-Bergkirche, kletterte ich über eine Steinterrasse in einen mustergültigen Olivenhain hinein. Das Gras war fein, zartgrün und nicht zu lang, laut jenem Stück Literatur »gesundes Gras«, in dem das Blätterrauschen den Flaneur »sorglos stimmt«. Der Spaziergang endete nach 45 Sekunden - eine olivgrüne, unbewegt verharrende Schlange starrte mich an. Ich rannte zum Wagen zurück.

Vorletzte Woche - ich war schon zu Hause - brannte die Luštica ab. Mir die Bilder der brennenden Olivenhaine anzuschauen, dazu hatte ich nicht das Herz. Ich darf aber hoffen, dass einige Bäume in einigen Jahren ihr Öl wieder spenden.

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