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Flanierend krepieren

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 3 Min.

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Flanieren in der Stadt bedeutet, sich in einem rasanten Umfeld langsam zu bewegen. Welch subversives Potenzial darin steckt, das weiß jeder, der schon einmal in einem Wohngebiet in den USA ziellos zu Fuß herumgelaufen ist. In den schicken Häusern fährt man normalerweise sogar vom Küchentisch zur Toilette mit dem SUV. Als ich vor Jahren meine in den Vereinigten Staaten lebende Cousine besuchte, wollte ich deren neugeborenes Baby im Kinderwagen spazieren fahren. Sie warnte mich beiläufig, wie gefährlich das sein kann. Unterwegs beobachtete ich Nachbarn, die mich hinter Gardinen fixierten. Ebenso sah ich Autofahrer, die das Tempo drosselten und mich misstrauisch beäugten. Schon Aldous Huxley und Ray Bradbury haben erkannt, dass diesem Phänomen in den USA schwer zu entgehen ist: »Irgendetwas stimmt nicht mit einem Menschen, der zu Fuß geht, anstatt mit dem Auto zu fahren.«

Bevor Antideutsche das Lesen dieses Textes voreilig beenden: Natürlich gilt das auch für Deutschland - allerdings dürfte ersichtlich sein, dass die Flanierfeindlichkeit hier ein Großstadtproblem ist. Vor Kurzem fühlte ich mich in der U-Bahn mal wieder wie eine Ölsardine in der Büchse und musste zu allem Überfluss einem Nebenmann beim Mobile-Banking zusehen. Da fragte ich mich natürlich, wie um alles in der Welt dieser Typ am 25. des Monats noch 521,92 Euro auf dem Girokonto haben kann. Ich fragte mich aber auch, ob ich nicht einmal auf dieses alltägliche Festival der dauerbeschleunigten Tristesse verzichten sollte. Das Fahrrad war keine Option, denn auch dabei geht es ja in der Stadt nur darum, effizient von A nach B zu gelangen. Also nahm ich mir nach Feierabend nichts vor und lustwandelte von Friedrichshain in Richtung heimatlicher Wedding.

Skeptische Blicke erntete ich anfangs nicht. Warum sollte sich auch irgendwer unter den von Zeitnot geplagten Metropolisten und Touristen mit dem kleinen Mann auf der Straße beschäftigen? Die Unannehmlichkeiten begannen, als ich mich entschied, nur noch sachten Schrittes voranzuschreiten. Schon klar, schlechtes Wetter und schlechte Laune gehören zu Berlin wie Currywurst und Molle. So viel Aggression wie mir als Spaziergänger dürfte aber nicht einmal einem Union-Berlin-Fan entgegenschlagen, der im Hertha-Block landet.

In der Nähe jedes U-Bahn-Eingangs starrten mich schon von weitem zu Schlitzen verengte Augenpaare an, für deren Besitzer das Warten auf den fünf Minuten später angekündigten Zug einer Tortur gleichkommen musste. Mich, den eilige Menschen zum Ausweichen zwingenden Bremsklotz, rammten sie bisweilen schwungvoll beiseite, oft garniert mit Verbalinjurien. Einmal geschah das so heftig, dass ich auf den Radweg fiel. Die traditionell in Überschallgeschwindigkeit durch Berlin düsenden Zweiradpiloten hatten so viel mit Rasen und Schimpfen zu tun, dass sie mich fast einen Kopf kürzer geradelt hätten. In der Invalidenstraße hatte ich genug und stieg lädiert in den Bus. Selten klang das typische Meckern eines Fahrers über den Verkehr so himmlisch.

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