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Pizza in Jogginghose

Pizza gibt’s in Berlin wie Sand am Meer, eine wirklich gute zu finden, ist jedoch ziemlich schwer. Der Reim war keine Absicht, aber wenn er sich schon mal ergibt, schön. Bitte noch drei Ausrufezeichen dahinter denken, denn was wie eine Binsenweisheit klingt, ist Ergebnis eines mehr als zehnjährigen Geschmackstests bei Berlins »Italienern«.

Und der hat sich gelohnt. Denn das scheibenförmige Gebäck kann so viel mehr sein als die labbrigen mit Analogkäse und Pferdeteilen verhunzten Mehlzungen aus den Tiefkühltruhen der Supermärkte. Das beweist eine ganze Reihe von Trattorien und Osterien - ein Tipp am Rande: Nennt sich ein Laden Ristorante, ist entweder keine urwüchsige italienische Küche oder gleich gar keine italienische zu erwarten. Wer Pizza will, sollte weiße Tischdecken meiden. Cucina casalinga - nach Hausfrauenart - ist das Stichwort. Was nicht heißen soll, dass eine Frau die Pizza backen muss - die Pizza- ist keine Geschlechterfrage.

Für jemanden, der, wie die Autorin dieses Textes, jeden Tag eine zusammengelegte Calzone verschlingen könnte oder auch den Klassiker ganz in rund mit einem würzig-süßen Tomatensugo, cremigem Mozzarella und - aktuell sehr empfehlenswert - frischen Pilzen, mediterranem Gemüse, knackigem Rucola oder auch einer Scheibe guten Schinkens, ist die Auswahl an zu empfehlenden Lokalen übergroß.

Heraus ragen jedoch Gianni und sein »La Tarantella«. Auch weil er sich in der Neuköllner Weichselstraße so nah am heimischen Bett befand, in dem es sich nach Genuss der Pizza so gut schlafen ließ. Leider ist diese physische Nähe nach dem Verlassen des zu trendig gewordenen Kiezes Vergangenheit. Doch die Sehnsucht nach der Pizza des Sizilianers und nach Gianni selbst ist geblieben. Vor der Party in Kreuzberg oder dem Kaltgetränk mit dem Ex-Nachbarn ist ein Besuch bei Gianni Pflicht.

Dabei entspricht der Wirt so gar nicht dem Klischee der von Conny Froboess romantisiert besungenen »kleinen Italiener«. In Jogginghose und Schlabbershirt ist Gianni nicht mal eben aus Versehen unterwegs. Mehr oder weniger frisiert, serviert er aber selbst bei höchstem Hipsteraufkommen immer entspannt Pizza, Pasta und Bier. Sein Laden im Wohnzimmerformat ist nichts für ein Drei-Gänge-Menü, obgleich das Tiramisu nicht unterschlagen werden soll und die wachsende Zahl an Gästen es ihm erlauben würde, das Geschäft auszubauen.

Doch an Profit ist er scheinbar nicht sonderlich interessiert. Für Gianni zählen nicht Äußerlichkeiten, es zählt Geschmack. Damit passen er und sein Laden zwischen Spätis und Kneipen besser nach Berlin als in manche italienische Stadt. Ein bisschen Kitsch muss dennoch sein - in Form von karminrot gestrichenen Wänden, Schwarz-Weiß-Fotos nicht nur aus Bella Italia sowie in akustischer Form: Wer Al Bano und Romina Power nicht erträgt, sollte draußen auf dem Gehweg Platz nehmen. Oder die Pizza einfach direkt in der Astrastube nebenan genießen. Da gibt es zugegebenermaßen dann doch das bessere Bier.

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