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Liberale Muslime: Wunsch nach Emanzipation

In Deutschland organisieren sich muslimische Abweichler trotz erheblicher Differenzen

Viele Jahre hatte die Bundesrepublik ein Problem: Wollte sie mit Muslimen, die hier leben, in Dialog treten, ging das nur über die großen Islamverbände. Diese Vereinigungen, wie etwa der vom türkischen Präsidialamt abhängige Verband DITIB, vertreten jeweils eine streng konservative Auslegung des Glaubens. Sie repräsentierten aber keinesfalls alle Lebens- und Glaubenswirklichkeiten der Muslime, die in Deutschland ihre Heimat haben. Zum Beispiel trägt nur ein Drittel der Musliminnen Kopftuch. Während die hiesigen christlichen Kirchen sehr klar organisiert sind, scheiterte eine gemeinsame Vertretung der Muslime in Deutschland bisher an den unterschiedlichen religiösen, kulturellen und nationalen Verpflichtungen der Gläubigen. Liberale Muslime oder gar ein liberaler Islam spielten bisher kaum eine Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung. In der Deutschen Islam Konferenz (DIK), der Dachorganisation von muslimischen Gemeinden, sind sie nicht mit einem eigenen Verband vertreten. Wer sie finden wollte, musste schon die Lupe zur Hand nehmen.

Dies scheint sich nun zu ändern. Mitte Juni gründete die Berliner Anwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ates eine Moscheegemeinde in Berlin, in der Frauen und Männer gemeinsam am Gebet teilnehmen, geleitet auch von Imaminnen. Einen Tag, nachdem Ates zum Presseempfang in die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee lud, demonstrierten in Köln mehr als tausend Menschen gegen islamistischen Terror. Gefolgt waren sie einem Aufruf der Pädagogin und Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor und von Tarek Mohamad.

So wie die Demonstration stellt auch die liberale Berliner Moschee einen Affront für viele Muslime dar. Im Islam ist es nämlich weit verbreitet, die Glaubenspraxis nah am Koran und der Sunna auszurichten. Muslime tendieren, anders als moderne Christen, zu einer wörtlichen Auslegung der Schriften. Die geistlichen Autoritäten lassen oftmals nur wenig Spielraum für andere Interpretationen zu. Doch für Seyran Ates und ihre Mitstreiter ist es keine Option, in der Welt des 7. Jahrhunderts befangen zu bleiben, aus der die Quellen erzählen: »Wir wollen den Text selber lesen, diskutieren, ihn uns aneignen und auf die Lebensrealität der Muslime im Hier und Jetzt beziehen«, sagte sie im vergangenen Herbst am Rande eines Vortrages, bei dem sie für ihr Konzept warb.

Nicht immer herrscht bei solchen Diskussionen Einigkeit zwischen den liberalen Muslimen. In der Vergangenheit gab es häufig Dispute, was mitunter ein Grund ist, weshalb sie gegenüber der Bundesregierung nicht mit geeinter Stimme aufgetreten sind, um zwischen dem Staat und säkularisiert lebenden Gläubigen zu vermitteln.

Auch über die Kölner Demonstration vom Juni gibt es sehr unterschiedliche Auffassungen bei den Liberalen. Ahmad Mansour ist Gründungsmitglied des 2015 ins Leben gerufenen Muslimischen Forums Deutschland. Bis 2013 saß er als Einzelperson in der DIK. Über die Kölner Demonstration kann er sich nur bedingt freuen: »Leider ist nicht jeder, der dort demonstriert hat, gleich liberal.« Einigen beteiligten Gruppierungen unterstellt er sogar, selbst für eine islamistische Radikalisierung mitverantwortlich zu sein.

Nushin Atmaca vom Liberal-Islamischen Bund (LIB), der die Demonstration mit unterstützt hat, sieht das anders. Die Demonstration habe »ein Zeichen der Selbstvergewisserung« gesendet - »wir sind da. Wir mögen nicht immer einer Meinung sein, aber wir teilen grundlegende Ansichten und Werte und die Ächtung von Gewalt, die religiös begründet wird.« Der Mehrheitsgesellschaft zeige die Kölner Demonstration, dass »Muslimen die Gesellschaft, in der sie leben, nicht egal ist, sondern dass sie sich für sie einsetzen«.

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