Roma und Sinti kämpfen gegen das Vergessen

Jugendliche beschäftigen sich mit der Verfolgung ihrer Vorfahren und gedenken der Opfer der Faschisten

Der 2. August ist für Roma und Sinti kein Tag wie jeder andere. Vor 73 Jahren wurde in der Nacht auf den 3. August der sogenannte Zigeunerblock des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau aufgelöst. Das heißt: Die etwa 3000 anwesenden Roma und Sinti wurden von der faschistischen SS und ihren Handlangern ermordet. Daran sollte der Gedenktag an diesem Mittwoch erinnern. In diesem Rahmen fand am Abend auch eine Veranstaltung am Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas in der Nähe des Brandenburger Tors statt.

Der Bundesverband junger Roma und Nicht-Roma Amaro Drom organisierte anlässlich des Gedenktages zum Genozid eine Jugendbegegnung im Rahmen des Projekts »Dikhen Amen! Seht uns!« in Berlin. Der Titel der unterschiedlichen Veranstaltungen war: »Dikh Angle! Nach vorne schauen!«

Von Workshops bis zu Gedenkveranstaltungen und dem Besuch einer Ausstellung im Freien: Drei Tage lang setzten sich die 20 jungen Roma und Sinti aus dem ganzen Bundesgebiet intensiv mit der Geschichte der Verfolgung und der Ermordung im Nationalsozialismus auseinander.

Als Referentin war unter anderem Anita Awosusi eingeladen. Die bekannte Bürgerrechtlerin schrieb in ihrem Buch »Vater unser - Eine Sintifamilie erzählt« die Geschichte ihres Vaters auf. Dieser überlebte den Holocaust. »Vor diesem Hintergrund ist es sehr erschreckend«, sagte sie im Gespräch. Der Rassismus sei gesellschaftsfähig geworden.

Für Roma und Sinti sind Ausgrenzungserfahrungen alltäglich. »Ich bin auf der Straße öffentlich geschlagen worden«, sagt Angela Selimovic, eine Teilnehmerin der Begegnung aus Nordrhein-Westfalen. Die offenen Gewalttaten sind jedoch nicht das einzige Problem. »Es wird schnell über uns geurteilt«, führt sie weiter aus. Der Rassismus wird in allen Lebensbereichen immer wieder sichtbar. Amaro Foro, der Landesverband in Berlin, zählte 2015 exakt 118 antiziganistische Vorfälle. Die Dunkelziffer soll deutlich höher sein.

Joschla Weiß, pädagogische Leiterin des Projekts, findet es wichtig, über den Genozid zu sprechen, »aber auch wie damit umgegangen wurde«. Dadurch sollen die Jugendlichen ein Gefühl bekommen, wie Widerstand aussehen kann. »Es ist wichtig, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen, um das Heute zu erklären und dann nach vorne zu gucken«, erklärte Merfin Demir, der im Landesverband Terno Drom aus Nordrhein-Westfalen aktiv ist. Die angebotenen Veranstaltungen wurden interaktiv gestaltet: Es wurde Theater gespielt, Filme besprochen und Liedtexte gedeutet.

Erstmals fand die Begegnung in Zusammenarbeit mit dem feministischen Archiv RomaniPhen aus Alt-Treptow statt. In dem selbstorganisierten Projekt werden kritisches Wissen, Texte und Sichtweise gesammelt. Ziel ist es, die Geschichte aus Perspektive der Romnja - der weiblichen Roma - zu dokumentieren und wertzuschätzen.

Trotz all den negativen Entwicklungen und dem weiterbestehenden Rassismus schöpfte Anita Awosusi Hoffnung aus dem mehrtägigen Seminar: »Heute kommen junge Menschen hier zusammen und sagen: Jetzt kämpfen wir!«

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