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Rückeroberung des Lennéparks

Bürger haben die lange vernachlässigte Oase inmitten Frankfurts zu neuem Leben erweckt

  • Von Henry-Martin Klemt
  • Lesedauer: 5 Min.

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Wenn waschechte Frankfurter von ihrem Stadtpark sprechen, dann ist meist vom »Lennepark« die Rede, kurzes »e« am Ende, kein Akzent. Die vom Gartenarchitekten Peter Joseph Lenné (1789-1866) konzipierten und 1845 auf den alten Stadtwällen von Frankfurt (Oder) vollendeten »Anlagen« bilden einen der ältesten Bürgerparks in Deutschland.

Der Lennépark ist eine Oase der Vielfalt in Fauna und Flora, spiegelt aber zugleich heutige Probleme des städtischen Zusammenlebens wieder: er zeigt üppiges Grün, aber auch ruinierte Bänke und Papierkörbe, eine Freiluftgalerie von Kunstwerken der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, aber auch Schmierereien und Graffiti. Der Lennépark ist ein Ort, an dem sich Natur, Sport und Kultur verbinden, den aber auch Ordnungshüter zur Durchsetzung des von der Stadt verhängten Alkoholverbots durchkämmen. Er ist Liebesnest und Spazierweg aber wohl auch Drogenumschlagplatz. Lange war der Park, der seit 1976 unter Denkmalschutz steht, ein nur sehr eingeschränkt schöner Ort. Erst 2000 nahm sich die Stadt seiner im Rahmen eines Förderprogramms an, konnte bis 2007 manche Baulichkeiten denkmalgerecht sanieren. Kurz: Der Lennépark ist wie Frankfurt (Oder). Und gerade deshalb hat er sich in den vergangenen zehn Jahren verändert.

Angefangen hatte alles vor zehn Jahren damit, dass Sonja Gudlowski auf ihrem gewohnten Gang durch den Park plötzlich feststellte: Hier muss etwas passieren, das ist doch eigentlich das schönste Kleinod, das wir hier in der Innenstadt haben. So entstand die Idee von einer Initiative, die seither unter dem Namen »Bürgeraktion gesunde Umwelt für meine Stadt - der Lennépark« bekannt wurde. Bloß kein Verein, dachte ihre Initiatorin, sondern Leute, die etwas machen wollen miteinander und nicht darauf warten, dass andere es tun.

Sonja Gudlowski sprach Freunde an und Bekannte, redete mit Unternehmern und der Stadtverwaltung, stieß überall auf offene Ohren - und leere Kassen. Also ging sie zur Deutschen Bank, von deren Ahnen schließlich auch einer auf dem Schöpferdenkmal für die Mitbegründer und Mäzene des Parks in Stein gemeißelt ist.

Auch an Landschaftspfleger und -architekten, Baum- und Kunsthüter wandte sie sich. Jeder plauderte dabei ein Stündchen aus seinem Fach: Historiker, Ornithologen, Stadtgärtner … Die Spendenbeiträge, aufgestockt durch die Deutsche Bank, halfen dabei, das Schöpferdenkmal wieder mit Bäumen zu umgeben, dem Schwänchenteich ein neues Entenhaus zu verschaffen, Anpflanzungen, originalgetreue Bänke, Informationstafeln zu finanzieren. Die Stadt, aber auch Firmen, flankierten den Umgestaltungsprozess nach Kräften. Ein Spezialist übernahm die Beseitigung von Schmierereien. Andere spendeten Pflanzen, stellten Technik und Mitarbeiter bereit.

Gemeinsam entstand das Konzept der regelmäßigen geführten Spaziergänge, bei denen auch Spenden gesammelt wurden. Die Deutsche Bank nutzt ihren »Social Day« für den alljährlichen Frühjahrsputz im Lennépark, an dem sich mittlerweile auch mehrere Schulen beteiligen.

Der Frage, wie sich Mittel und Möglichkeiten finden, dem Park seine alten Pracht zurückzugeben, folgte das Nachdenken darüber, was sich tun lässt, damit die Frankfurter selbst den Park annehmen, sich identifizieren mit ihm. Die geebneten Wege waren für viele in zurückliegenden Jahrzehnten eher Abkürzung durch die Stadt. Flanieren in einem von mediterraner Landschaft inspirierten Park, Lustwandeln und einfach nur die Zeit genießen - das war eher die Ausnahme. Der große Spielplatz gehörte tagsüber den Kleinen mit ihren Mamas und Omas, abends den Jugendlichen. Daran änderten auch die Spaziergänge nichts, zu denen vor allem Ältere kamen.

»Natur und Kultur gehören zusammen«, sagte Sonja Gudlowski. »Wir haben schon eine ›Kurze Nacht der Museen‹, warum sollte es nicht auch eine ›Kleine Parknacht‹ geben?« Ein Gedanke, den sie mit ihren Mitstreitern so weit und leicht fasste, wie die Atmosphäre des Parks es vermittelt. Und wieder lief sie offene Türen ein bei den Künstlern, denen sie kein Honorar anbieten konnte: Musiker und Märchenerzähler, Autoren und Theaterleute. Die Kinder natürlich aus der angrenzenden Integrations-Kita der Wichern Diakonie Frankfurt (Oder). Der Verein Lebenshilfe zauberte in die Dämmerung einen Weg des Lichts aus selbst gestalteten Kerzengläsern. Kinder zeigten auf dem Rasen Karatekünste. Kunsthandwerker fanden einen Ort, aber auch heimische Obstbauern, Sozialeinrichtungen und Gastronomen mit Kaffee und Kuchen. Dann kam die Singakademie Frankfurt (Oder) dazu, deren Dirigent Rudolf Tiersch das Publikum gleich mitsingen ließ, während gute Feen über die Wiese schwebten und jeder ihnen gab, wenn er glaubte, etwas bekommen zu haben. Inzwischen gehört es zum guten Ton, dabei zu sein. Auch für den Oberbürgermeister und seine Dezernenten.

In dem langen Namen, den Sonja Gudlowski für die Bürgeraktion erfunden hatte, spielt Gesundheit eine zentrale Rolle. Jogger sieht man noch nicht so oft im Park. Aber soll sich doch jeder bewegen, wie es ihm gefällt. Kinderwagen schiebend, mit Rollerskates oder Longboard, im Sprint oder Trab oder Schritt für Schritt am Stock. Eine fröhliche Gesundheitsmeile, eine Runde durchs Grün. Allein oder als Gruppe. Der »Lauf der Generationen« wendet sich inzwischen auch an anspruchsvollere Läufer, dann geht es über mehrere Kilometer und nach Stoppuhr, wird ergänzt durch die RotarRun-Lennémeile am selben Tag. Beim neuen »Umweltspaziergang« rücken Enthusiasten mit Plastiksäcken und Greifzangen Schmutz und Unrat zu Leibe.

Spenden, »Lennémeile«, »Kleine Parknacht«, die Aufstockung durch die Deutsche Bank - inzwischen sind mehr als 80 000 Euro zusammengekommen und unmittelbar in die Verschönerung des Lennéparks geflossen. Sonja Gudlowski gilt mittlerweile als so etwas, wie die Mutter des Parks. Das freut sie, wenn jemand es sagt, der auch selbst etwas tut.

Am 26. August findet bereits die 8. Kleine Parknacht statt. Sie steht unter dem Motto: Frankfurts Sterntaler - ein Dankeschön an alle »Sterntaler« in unserer Stadt. Mehr als 200 Organisatoren, Helfer, Künstler, Akteure, Versorgungspartner, Ordnungskräfte und Sanitäter wirken daran mit. Mit dabei ist, was in der Kulturszene der Oderstadt Rang und Namen hat: Folk-, Pop- und Bluesmusiker, das Hornquartett des Brandenburgischen Staatsorchesters, Chöre wie etwa der der Singakademie, das Theater des Lachens und das Moderne Theater Oderland. Es präsentieren sich die Karate-Kids und der Lese-Zirkel, die Schlemmerkompanie der Arbeiterwohlfahrt und die Vereinigung »Mit Kindern Für Kinder«. Für die Kleinsten gibt es eine Kindereisenbahn und den Lampionumzug.

»Das Märchen vom Sterntaler ist ein Gleichnis für uns«, sagt Sonja Gudlowski. »Ich freue mich, wenn sich viele davon inspirieren lassen.«

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