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Ein Ikarus für besondere Touren

Sächsischer Unternehmer restaurierte legendären Bus

  • Von Harald Lachmann
  • Lesedauer: 3 Min.

Ein Déjà-vu-Erlebnis hat neuerdings mancher im Leipziger Umland, wenn ihm ein blau-weiß gestrichener Ikarus-Bus begegnet. Vor allem die Firmenbezeichnung »Jugendtourist«, die das Gefährt an allen vier Seiten ziert, macht ältere Zeitgenossen stutzig: Jugendtourist? Da war doch mal was.

So ähnlich dachte auch Gerrit Crummenerl, als er unlängst einen Ikarus-Bus für seinen Nostalgie-Fuhrpark gefunden hatte. Der sächsische Oldtimerhändler führt in Brandis, 20 Kilometer östlich von Leipzig, eine Firma mit dem für Ostdeutsche ebenfalls bedeutungsschweren Namen »Genex«. Über diese Firma konnten einst Westdeutsche ihren Ostverwandten mit harter Währung begehrte Geschenke machen. Schon länger betreibt Crummenerl auch einen älteren Ikarus: »Zum Beispiel für Hochzeitsfahrten«, wie er sagt. Doch häufig sei der zu klein, weshalb er sich letztes Jahr auf die Suche nach einem Modell der größeren 200er Baureihe machte.

Davon seien in Ungarn um die 200 000 gebaut worden, weiß der 44-Jährige. Erst 2010 beendete der letzte Ikarus seine Karriere im ostdeutschen Linienverkehr - im sächsischen Zittau. Danach wurden die Busse hierzulande rar. Fündig wurde Crummenerl in einem Chemnitzer Fahrzeugdepot: Ein Ikarus 256, 36 Jahre alt, sechs Zylinder, zehn Liter Hubraum, 192 PS, in der Spitze 100 Kilometer pro Stunde. Er sei nicht ganz billig gewesen, räumt er ein, dennoch habe er ihn »sofort gekauft«. Ein halbes Jahr dauerte es, den Bus detailgetreu zu restaurieren - in der »gehobenen Ausführung mit Kopfstützen«. Doch als der 42-Sitzer dann neu lackiert vor ihm stand, fand Crummenerl: »Irgendwie sieht er noch leer aus, vor allem an den elf Meter langen Seiten.« Und so kam dem Experten für östliche Traditionsfahrzeuge eine Idee, die bestens in sein Geschäftsmodell passt: Er versah den Bus mit dem Logo des einst populären DDR-Jugendreisebüros.

Crummenerl selbst ist zwar zu jung, um mit Jugendtourist auf Achse gewesen zu sein, doch in der Familie erinnerte sich noch mancher an schöne Touren zur Ostsee oder in sozialistisches Freundesland. Auch von den Kunden, die seine Vorwendegefährte buchen, weiß er, dass sich hier eine Marktlücke aufgetan hatte. Denn es gibt nicht wenige im Osten, die sich zu Erinnerungstouren treffen: Pensionierte NVA-Kameraden zieht es zu ihrer Kaserne, Bergleute zum längst geschlossenen Tagebau und frühere Seminargruppen zu ihrer alten Hochschule. Und auch manches silberne oder goldene Hochzeitspaar wolle, so Crummenerl, die Jubelschar gern dorthin entführen, wo es sich einst kennenlernte. »Für solche authentischen Reiseziele der DDR-Bürger braucht es dann manchmal auch ein authentisches Fahrzeug«, so der Sachse, der den Jugendtourist-Schriftzug nicht umsonst bekam. Das habe ihn »vierstellig gekostet«, sagt er. Doch so habe er sich auch die Namensrechte gesichert.

Im Übrigen war das einstige Ferienunternehmen - 1975 als Reisebüro der FDJ gegründet - auch nach der Wende nicht als Schnäppchen weggegangen. Schließlich vermittelte die Agentur noch 1988 rund 24 500 DDR-Ferienplätze sowie 388 000 Reisen ins Ausland - darunter westliche Staaten wie die Bundesrepublik, Frankreich und die USA. Der ITS-Konzern zahlte der Treuhand 1,3 Millionen D-Mark für Jugendtourist, ohne aber den Namen weiter zu verwenden. Damit sei dieser frei gewesen, freut sich Gerrit Crummenerl, in dessen Depot noch eine Reihe weiterer Kleinodien steht. Selbst Erich Honeckers letzter Dienstwagen gehört dazu: ein Citroën CX 25 Prestige.

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