Protest in der Türkei: »Misch dich nicht in meine Kleidung ein«

Tausende demonstrieren landesweit gegen frauenfeindliche Übergriffe und konservative Tugendwächter

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Ein öffentlicher Bus in Istanbul, Ende Juni: Die Psychologiestudentin Asena Melisa Sağlam wird von einem Mann angesprochen. Es ist heiß, Sağlam trägt Shorts. »Warum kleidest du dich so während des Ramadan? Schämst du dich nicht?« geht der Fremde die junge Frau an. Dann schlägt er zu und versucht, Sağlam aus dem Bus zu stoßen. Ein Handyvideo des Angriffes ging durch die sozialen Netzwerke und sorgte in der Türkei für hitzige Debatten.

Seit einigen Tagen breitet sich nun – auch als Reaktion auf diesen Vorfall – eine von Frauen getragene Protestbewegung in der Türkei aus. Und das, obwohl es unter dem Ausnahmezustand immer wieder zu Demonstrationsverboten und anderen Repressionen kommt.

Unter dem Motto »Kıyafetime Karışma« – »Misch dich nicht in meine Kleidung ein« – fanden am vergangenen Donnerstag in Izmir, am Samstag in Ankara und am Sonntag in Istanbul Protestaktionen mit mehreren tausend TeilnehmerInnen statt.

Den Stein ins Rollen gebracht hatte eine Demonstration für freie Kleiderwahl, die am 29. Juli durch den Istanbuler Stadtteil Kadıköy gezogen war. Laut Nachrichtenagentur Reuters riefen die Protestierenden unter anderem: »Wir werden nicht aufgeben oder ruhig sein, ihr könnt uns nicht einschüchtern«. Daraufhin kam es zu weiteren Aktionen und Flashmobs, zudem verbreitete sich der Hashtag #KiyafetimeKarisma auf Twitter. Der Kurznachrichtendienst ist in der Türkei äußerst beliebt und wird überdurchschnittlich viel genutzt – wenn er nicht gerade von der Regierung abgeschaltet wurde. Auch das ist in den vergangenen Jahren mehrfach vorgekommen.

Hintergrund der Protestbewegung sind eine Reihe von Übergriffen wie jener, der Asena Melisa Sağlam widerfahren ist. Wiederholt hatten Frauen in den vergangenen Wochen in sozialen Netzwerken von öffentlichen Maßregelungen und Anfeindungen durch selbsternannte Tugendwächter berichtet.
Die AKP-Regierung – so die Haltung der »Kıyafetime Karışma« Bewegung – befördere solches Verhalten. Aus ihrer Vorstellung davon, wo der Platz der Frau in der Gesellschaft ist, macht die AKP keinen Hehl. Die Aussage von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan, dass Frauen statt drei besser fünf Kinder kriegen sollten, ist nur ein Beispiel für die vielen öffentlichen Äußerungen von AKP-Politikern, die in dieselbe Richtung weisen.

Unterstützung für die Proteste kommt unter anderem von der größten Oppositionspartei des Landes, der kemalistischen CHP. In Izmir beteiligte sich laut der Zeitung »Hürriyet« beispielsweise Nurşen Balcı, die Vorsitzende der Frauen-CHP in der Region, an der Aktion für freie Kleiderwahl. »Eine Gerechtigkeit, die nur für Männer gilt, ist keine Gerechtigkeit«, skandierte sie gemeinsam mit den anderen Protestierenden.

Unterstützung kommt auch von einigen frommen Musliminnen. Dies ist bemerkenswert, denn der Kleiderstreit hatte in den vergangenen Jahrzehnten in der Türkei durchaus unterschiedliche Facetten, der Graben zwischen frommen Musliminnen und säkularen Feministinnen ist mitunter tief. Unter den Kemalisten, die die Türkei jahrzehntelang überwiegend regiert haben, war es Frauen mit Kopftüchern verboten, an Universitäten zu studieren, im Staatsdienst zu arbeiten oder im Parlament vertreten zu sein. Auch an Schulen waren Kopftücher bis vor wenigen Jahren streng untersagt.

Diese Verbote sind unter der AKP Stück für Stück abgeschafft worden. Zunächst unter scharfem Gegenwind: So war die Türkei gespalten, als die AKP 2008 das Kopftuchverbot für Studentinnen aufhob. Der Konflikt wurde damals bis vor das Verfassungsgericht getragen, das die Aufhebung nur knapp bestätigte. Diese Entwicklung ist einerseits Teil der Islamisierung des Landes, die die AKP vorantreibt. Gleichzeitig wurden mit der Aufhebung des Kopftuchverbotes aber auch lange erhobene Forderungen von betroffenen Frauen erfüllt, die sich diskriminiert sahen.

Einige dieser Frauen beteiligten sich nun an den Aktionen von »Kıyafetime Karışma«. Gegenüber dem britischen TV-Sender Channel 4 News sagte eine junge, kopftuchtragende Muslima am Rande der Demonstration in Kadıköy/ Istanbul über ihre Freundin, mit der sie gemeinsam gekommen war: »Niemand soll sich einmischen in ihre Entscheidung, Miniröcke oder Shorts zu tragen. Genauso wie keiner sich einmischen soll, wenn es um mein Kopftuch geht.«

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