Von Tom Strohschneider

Der Bilderfinder

Malerei von Wolfgang Mattheuer in der Rostocker Kunsthalle

Der Bilderfinder

Man trifft heute im Grunde auf zwei Weisen, über Wolfgang Mattheuer zu sprechen. Die eine stellt Begriffe wie »Parteimaler« vor das Werk des Künstlers, es ist dann mehr von den kulturpolitischen Bedingungen ostdeutscher Kunstproduktion die Rede. Urteile werden weniger über die Arbeit gefällt als über die Erzählungen, die von der Welt handeln, in denen diese stattfand: die DDR, die realsozialistische.

Die andere Weise, in der über den 2004 gestorbenen Mattheuer gesprochen wird, ist bemüht, die schiefen Töne der ersten Variante zu korrigieren. Dann wird der Systemkritiker Mattheuer ins Zentrum gerückt, der Bilderfinder mit seinen Parabeln auf das Falsche in dem, was doch richtig sein sollte, der skeptische Realist, der Künstler, der einmal gesagt hat, er verdanke seinem Misstrauen so viel.

Das Vertrackte ist, dass durch beide Weisen, über Mattheuer zu sprechen, das Werk zum Steinbruch für Beweismittel wird, mit denen die jeweiligen Anschauungen über den Künstler begründet werden - der selbst in seiner Gesamtheit aber verschwindet. Der ganze Mattheuer, selbst wenn man nur seine Malerei hernimmt, von der jetzt eine umfangreiche Schau in der Rostocker Kunsthalle beeindruckendes Zeugnis ablegt, ist eben mehr als ein Mann der politisch verschlüsselten Bilderrätsel, die den Realsozialismus kritisieren. Und er ist schon gar nicht bloß der Kompromittierte aus dem Weisungsstaat, als der Mattheuer nun einmal mehr bezeichnet wurde.

Über 80 Gemälde des 1927 im Vogtland geborenen Malers, Grafikers und Plastikers hat die Kuratorin Stefanie Michels für die Rostocker Ausstellung zusammengebracht - eine herausragend bestückte Retrospektive, zu der das vollständige Werkverzeichnis aller 742 Gemälde des Künstlers als eine Art Suprakatalog erschienen ist. Der umfangreiche Band lässt eine Ahnung vom »ganzen Mattheuer« zu, der eben nicht nur auf seine »Problem- und Protestbilder« zu reduzieren ist. Eine Fülle an Ölskizzen, die überwiegend Landschaften zeigen, erzählen von einer malerischen Aneignung der Natur bei Streifzügen im Vogtland und in der Umgebung Leipzigs.

Mattheuer hat diese Arbeiten »Erholungsbilder« genannt, sie existieren aber nicht in einem abgetrennten Raum des Künstlerischen, sondern stehen in enger Beziehung zu den »Protestbildern«. Das gilt auch stilistisch, übt sich der Landschafts-Mattheuer doch mit einem ganz anderen, sinnlich-gröberen Pinsel als der politische Mattheuer mit seiner glatten, mitunter kalt wirkenden Ästhetik. Er selbst sprach von der »Reibung zwischen Übereinstimmung und Protest, zwischen Ja und Nein«. Damit aber Reibung entsteht, muss auch beides da sein, getan werden.

Das Spektakuläre der Rostocker Schau liegt zweifellos in Mattheuers Sinnbildern, die in einer solchen Fülle an einem Ort bisher nicht zu sehen waren. In Kombination mit dem Werkverzeichnis, beide tragen den auf die Grafikerin und Ehefrau Ursula Mattheuer-Neustädt zurückgehenden Titel »Bilder als Botschaft«, birgt die Zusammenstellung viel Erhellendes. Der in der Zwoller Schwesterausstellung zur Rostocker Schau zu sehende Sisyphos-Zyklus etwa, eine der bekanntesten Bildschöpfungen Mattheuers, die zwischen 1972 und 1976 entstand, hat 1991 eine nur wenig bekannte Fortsetzung erfahren: Sisyphos sinniert, auf den symbolischen Stein gestützt, in einer Berglandschaft, die an die ersten drei Arbeiten erinnert, doch der Fels trägt nun, »nach der Geschichte«, Gesichtszüge, die an Karl Marx erinnern.

In der Kunsthalle am Schwanenteich ist dieses Bild nicht zu sehen, aber es lässt sich hier viel über die Arbeitsweise von Mattheuer erfahren, über das »Bilderfinden«, das Ausprobieren, das Neu-Zusammensetzen, das Weiterentwickeln - auch das ein Geschenk, das der Fülle an Gemälden zu verdanken ist. Zum berühmten »Hinter den 7 Bergen« (1973) hängt in Rostock eine 1970 entstandene Vorarbeit: »Hinter den 7 Bergen (im Autospiegel)«. Die zentralen Elemente sind hier schon alle versammelt: die Straße, die die gesamte untere Bildbreite einnimmt; die Eugène Delacroix’ »Liberté« paraphrasierende Freiheitsgöttin, die bei Mattheuer statt Tricolore und Gewehr bunte Luftballons in den Händen hält, schwebend über den märchenhaften sieben Bergen, hinter denen Verheißung wartet. Oder Enttäuschung. Die Insassen der Autos, die sich dem Horizont nähern, werden es erfahren. Jeder für sich.

Das drei Jahre später entstandene »Hinter den 7 Bergen« treibt diese Symbolik auf die Spitze, am Straßenrand Wegzeichen, die auf Heinrich Heines »Wintermärchen« anspielen. Aus dem »Eiapopeia vom Himmel«, mit dem man »einlullt, wenn es greint, das Volk, den großen Lümmel« wird bei Mattheuer ein Versprechen von Freiheit. Ein falsches? 1993 malt Mattheuer schließlich sein »Hinter den 7 x 7 Bergen«, aus der einen Freiheitsgöttin sind vier geworden - wie in der Landschaft aufgepflanzte oder an Häusern aufgehängte Werbetafeln, die Autos streben nicht mehr nur in eine, verheißungsvolle Richtung, sondern stehen zwischen dem über die Stadtszenerie verteilten »Eiapopeia« der Konsumkultur im Stau.

Aber ist es das, was Mattheuer da malen wollte? Die beiden eingangs erwähnten Weisen, über ihn zu sprechen, haben sich meist nur eine von mehreren Interpretationen zu eigen gemacht, die Mattheuers Bilder zulassen. »Hinter den 7 Bergen« ist oft als Ausdruck der Atmosphäre nach 1968 gesehen worden, die Erfahrung von Aufbruch ging auch an der DDR nicht vorbei. Dort konnte das Bild aus Herrschaftsperspektive als Kritik daran verstanden werden, sein Glück im Westen zu suchen. Mattheuer hat in einem Gedicht nach der Niederschlagung des »Prager Frühlings« die Bildidee entwickelt, das eröffnet noch eine ganz andere Perspektive auf die Enttäuschung, die der Verheißung folgen kann.

Einen weiteren Gedanken bietet die Bildfolge in ihrer Gesamtschau an - sind es auf dem ersten »7 Berge«-Bild noch drei Luftballons, die die »Liberté« in der Hand führt, werden daraus Bild um Bild mehr - 1993 trägt eine der Freiheiten bereits acht.

Man kann das so sehen: Um ihr Versprechen überhaupt noch wirksam leuchten zu lassen, muss die Freiheit sich mit immer mehr heißer Luft umgeben. Dass Mattheuer das Thema wieder und wieder aufgreift, heißt aber auch: Die Sehnsucht nach Freiheit wird nicht dadurch kleiner, dass es auch falsche Versprechen von ihr gibt. Oder dass sie enttäuscht wird. Es ist wie mit der Sehnsucht nach Gestaltbarkeit: Mattheuers Sisyphos flieht am Anfang vor der schieren Sinnlosigkeit seines Tuns, auch weil andere unbeteiligt bleiben, sich hinter schafsköpfigen Masken dumm stellend. Ein Argument gegen das Hinaufrollen des Steins ist das aber nicht, im zweiten Bild behaut Sisyphos bereits den Stein - und die da noch zuschauen, tun dies immerhin schon interessiert. Schließlich wird der Sisyphos zum Kollektiv und übermütig, stößt den Stein, der nun wie ein Denkmalskopf aussieht, den Berg hinunter, den er auch von selbst hinabrollen würde.

Und doch wird er wieder anfangen, der Sisyphos in uns. Mattheuer erzählt davon. Ein bisschen nachdenken, gestützt auf einen Marx, kann dabei nicht schaden.

»Wolfgang Mattheuer - Bilder als Botschaft«, bis zum 17.9. in der Kunsthalle Rostock, danach vom 14.10. bis zum 7.1.2018 im Museum de Fundatie, Zwolle. Werkverzeichnis der Gemälde (Edition Galerie Schwind) im Museum 29 Euro, im Buchhandel 49 Euro.

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