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Die Weltrevolution! Ein erloschener Stern

»Flussaufwärts« - letzte Geschichten der Schriftstellerin und Friedensaktivistin Ruth Rehmann

Als »Schwimmen gegen den Strom« deuten die Herausgeber den Titel des kleinen Bandes mit vierzehn letzten Geschichten von Ruth Rehmann (1922 - 2016), und die Schriftstellerin und Friedensaktivistin hätte nichts dagegen gehabt, denn so hat sie wohl ihr Schreiben auch selbst immer verstanden, ein Schreiben gegen den Mainstream, gegen das Glätten und Kaschieren dunkler Flecken in Vergangenheit und Gegenwart. Sie habe schreibend etwas »verstehen, etwas herauskriegen« wollen, zitiert Werner Jung die Autorin.

Aber der Buchtitel »Flussaufwärts« beinhaltet noch mehr: Beim »Zurückschwimmen« oder Zurückschauen zieht als »Flusslandschaft« nicht nur ein großer Teil des eigenen Lebens, sondern auch (wie gespiegelt) Zeitgeschichte von mehr als sieben Jahrzehnten mit den vielen Verwerfungen am Leser vorbei. Ruth Rehmanns Schreiben war immer autobiographisch gefärbt, von einer »Poetik der Erinnerung« spricht Werner Jung, und das gilt ganz besonders für diese Geschichten aus dem Nachlass.

Der größere Teil der Geschichten besteht aus Erinnerungen an die liebevoll behütete Kindheit im elterlichen Pfarrhaus im Rheinland, wo die Autorin als jüngstes, quirliges und wissbegieriges Kind aufwächst. Diese Kindheitsbilder aus den dreißiger Jahren, einer für heute junge Menschen sehr fernen Zeit und Welt, erscheinen leicht und heiter, sind aber durch die schrecklichen Zeit- und Weltereignisse grundiert, die den Erzählungen etwas Vages (von der Autorin Hinterfragtes) geben.

Wie ein Zeitriss oder, um im Bild zu bleiben, wie eine Stromschnelle schiebt sich zwischen die Kindheitsgeschichten und die große Erzählung »Die letzte Versammlung« über das Ende einer Friedensinitiative in den späten achtziger Jahren eine knappe, scharfe Momentaufnahme mit dem Titel »Blickkontakt« aus dem Jahr 1986. Hier schildert die Autorin die fast hautnahe Konfrontation einer Anti-AKW-Demonstrantin in Wackersdorf mit einem Polizisten. »Wo kommen wir hin, wenn bewaffnete Polizisten auf wehrlose Menschen losgehen, statt mit ihnen zu reden …?« Dieser Moment, dieses »Auge in Auge«, geht in seiner Eindringlichkeit und Selbsterfahrung unter die Haut. Wir Zuschauer sahen und sehen das ja alle (tagtäglich) nur über die Medien, damals wie heute.

Den Band dominiert die schon genannte Erzählung »Die letzte Versammlung«. Eine Gruppe von Friedensaktivisten und Organisatoren von Ostermärschen ist in eine so große Krise geraten, dass nur noch die Auflösung bleibt. Elsa (und damit die Autorin selbst) zieht ein schonungsloses Resümee, indem sie fragt: »Haben wir unsere Ziele zu hoch gesteckt, falsche Hoffnungen geweckt, … unsere Kräfte zersplittert, … uns vollgestopft mit Informationen über Rüstungsexport, Giftgasanlagen, Atomenergie, Weltbank, Arbeitslosigkeit, Südafrika, Nicaragua, Waldsterben, Ozonloch?« Das große Wort »Weltrevolution« ist zu einem »erloschenen Stern« geworden. Die Aktivisten sind müde geworden und ziehen sich ins Private zurück.

Hier wird deutlich, wie klar Ruth Rehmann bis zum letzten Lebensjahrzehnt die Welt gesehen hat. Ihre letzte Erzählung »Nachtschwärmer« verbindet noch einmal Gegenwart und Vergangenheit, Lebensorte und -zeiten. Wie Alice im Wunderland läuft die alte, fast blinde Frau Alice durch eine konkrete und zugleich imaginäre Landschaft, einen Ort der Erinnerungen an Versäumnisse und gelungenes Leben.

Ruth Rehmann: Flussaufwärts. Letzte Geschichten. Mit einem Vorwort von Jan Rehmann, Julian Schonauer und Lisa Rehmann-Zauner und einem Epilog von Werner Jung. Radius-Verlag, 208 S., geb., 20 €.

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