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Bluey Flannagan, wissbegieriger Seemann (Melbourne, 1950)

Unbekannte Bekannte

  • Von Walter Kaufmann
  • Lesedauer: 3 Min.

Er war der Jüngste an Bord des alten Frachters »Aeon«, achtzehn Jahre alt, kräftig gebaut, breitschultrig, mit wirrem rotem Haar und Stoppeln. Und immer auf den Beinen, gewillt, alles anzupacken, das der Bootsmann ihm auftrug: Rost klopfen, pönen, Taue spleißen, was auch immer.

Mich mochte Bluey, weil ich aus einer ihm fremden Welt kam und davon erzählen konnte. In den Arbeitspausen und nach Feierabend gesellte er sich zu mir - wobei wir ein ungleiches Paar bildeten, geeint nur durch Blueys Lust am Lauschen: Ich erzählte vom Duisburger Hafen, von Seeleuten dort und Hafenarbeitern, von Kranführern und Eisenbahnern auf Güterzügen, von Roter Front und vom Widerstand gegen Hitler, von Sabotage und Flugblattaktionen, von Flucht, Verhaftungen, Lagern und Folterkellern und davon, wie Arbeiter sich immer und überall aufbäumten, Zellen bildeten, den Nazis angesichts tödlichster Gefahren die Stirn boten.

»Erzähl noch mal, wie dieser Emil am Schornstein Losungen malt und unten die Schäferhunde kläffen - und er dann doch den Häschern über die Dächer entkommt. Und wie es war mit dem Flugblattschmuggel von Holland nach Deutschland. Oder davon, wie Alfons die Brandbombe durchs Fenster schleudert und er die SA-Männer in die Flucht schlägt. Erzähl, erzähl, erzähl …«

Ich war ausgelastet mit Erfindungen, Bluey hörte gespannt zu, und nie kam ihm der Gedanke, dass ich selbst für solche Aktionen in Nazi-Deutschland zu jung war, dass ich von Glück sagen konnte, überhaupt entkommen zu sein.

»Erzähl wie es war in London unter Obdachlosen.« Auch das tat ich - doch es war Bluey zu harmlos. Trotzdem ließ ich die Pogrome in Deutschland aus, die hätte er nicht begriffen, hier unter der Sonne Australiens, entlang der Küste und auf dem Pazifik unter strahlenden Himmel.

»Erzähl noch mal von dem Trimmer in Duisburg, der Braunbücher mit Kohle zuschaufelt und nachts freibuddelt, dann Stück für Stück an Land bringt.« Auch das spann ich weiter aus, und Bluey lauschte unvermindert: Hatte ich das wirklich alles erlebt? Damn it all, das war doch was!

Viele Arbeitspausen füllte das aus, viele Feierabende, und manchmal redeten wir auch beim Landgang in den Kneipen. Bluey blieb neben mir, knallte Münzen auf die Theke, spendierte Bier, damit ich erzählte - und dies alles mündete in den Augenblick, als mich in Newcastle, wo an diesem Tag die »Aeon« vor Anker lag, der Bootsmann auf ein Wort ins Kabelgatt rief.

»Sag mal«, fing er an, »bist du in der Partei?« - »Ist doch bekannt«, erwiderte ich. »Richtig«, sagte der Bootsmann und kratzte sich unter der Mütze. »Bloß dass Bluey heute mit der Barkasse übergesetzt hat, um in Newcastle das Parteibüro zu suchen, das weiß keiner außer mir.« Ich staunte. »Dazu hab ich ihn nicht angestiftet«, sagte ich, »würde ich auch nicht tun.« »Richtig«, sagte der Bootsmann wieder. »Trotzdem frage ich mich, wie Bluey dazu kommt - gerade mal achtzehn und mit wenig Erfahrung.«

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