Künstlerpech: Mistwetter

Troubadour in Erfurt

Natürlich ließ sich der Erfurter Generalintendant Guy Montavon bei seiner kurzen Begrüßung der Gäste auf dem Domplatz ein Wortspiel mit dem Schirmherren nicht entgehen, als er die Funktion des anwesenden Ministerpräsidenten Bodo Ramelow erwähnte. Doch die Wetter-App behielt recht: Nach einer knappen Stunde musste jeder Zuschauer selbst dafür sorgen, sich zu beschirmen. Die Vorstellung wurde ob des Starkregens abgebrochen. Im Trockenen sitzt da halt nur das Orchester.

Diesmal saß es für Giuseppe Verdis Liebe-und-Eifersuchts-, Mord-und-Rache-Reißer »Der Troubadour« direkt unter der Hauptspielfäche. Die hat der Erfurter Hausausstatter Hank Irwin Kittel etwas links von den namensgebenden Stufen zimmern lassen und verblüffend gut mit der Viaduktruine ergänzt. Als Auftakt für sein Spektakel ließ Regisseur Jürgen R. Weber erst einmal ein armes Würstchen aufknüpfen und baumeln. Als mittelalterliches Zeitkolorit, wo ja der Tod oder irgendeine Hexe hinter jeder Ecke lauerte.

Der für die Sänger und den Chor nur via Bildschirm sichtbare, domstufenbewährte Samuel Bächli brauchte nicht allzu lange, um Tritt zu fassen. Die Fahrer der vorbeifahrenden Straßenbahnen rissen sich zusammen und fuhren so langsam und leise, wie es ging. Auf der Bretterbühne, an den Reglern für die Lautsprecher und darunter, stellte man sich aufeinander ein, sodass es schon mehr als eine reichliche Kostprobe davon gab, wie Verdi den Platz füllen und seine Fans mitreißen kann.

Agnieszka Rehlis als racheversessene Zigeunerin Azucena war im Duett mit Eduard Martynyuk als kämpferischer Troubadour Manrico so überzeugend, dass sie wohl auch am Ende, wenn es denn einen Schlussapplaus gegeben hätte, alle Chancen gehabt hätte, vom Publikum gefeiert zu werden. Aber auch Todd Thomas als fieser Graf Luna donnerte platzfüllend und Elena Stikhina als die von beiden Brüdern begehrte Hofdame Leonora machte nicht nur mit ihrem (eher zu Turandot passenden) Kostüm samt Riesenfächer bella figura. Man hätte das schon gerne bis zum theatralischen Schluss gehört. Und auch gesehen. Denn der fernseh-, aber längst auch opernerprobte Regisseur Jürgen R. Weber hatte in Erfurt 2011 mit einer szenischen Ehrenrettung für Albert Dietrichs romantische Oper »Robin Hood« Eindruck gemacht!

Im Vorfeld zu seinem »Troubadour« hatte er jedoch auch ein paar in Mode gekommene, aber deshalb noch lange nicht stimmende Sätze über den vermeintlichen Tod des Regietheaters von sich gegeben, sich gar auf Christoph Schlingensief bezogen. Die beiden hätten sich allenfalls im Sinn für Ironie getroffen, kaum in der Radikalität des Zugriffs. Aber das ist auch in Ordnung. Bei Weber und Kittel (der auch für die Kostüme sorgte) haben die Bösewichter um Graf Luna, aber auch die Truppe um Manrico einen fernöstlichen Touch. Der sich auch auf die Bewegung überträgt. Nimmt man das als ironische Brechung des historischen Grauens, dann funktioniert es im ersten Teil beim Publikum ganz gut. Ob es am Ende aufgeht, bleibt an diesem Abend offen.

Domstufenfestival bis 27. August

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