Moderne Sklaverei in Großbritannien

Nicht nur Ausländer, auch Briten werden immer häufiger Opfer von Zwangsarbeit und Prostitution

  • Von Sascha Zastiral, London
  • Lesedauer: 3 Min.

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Dass es in Großbritannien Fälle von Menschenhandel und moderner Sklaverei gibt, ist nicht neu. Menschenrechtsorganisationen setzen sich seit Jahren dafür ein, dieser menschenverachtenden Praxis ein Ende zu bereiten. Doch die Zahl der Betroffenen ist offenbar viel höher, als man gedacht hat: Die Ermittlungsbehörde National Crime Agency (NCA) geht nun davon aus, dass die bislang geschätzten 13 000 Fälle nur die Spitze des Eisbergs sind.

Derzeit gebe es rund 300 Polizeiaktionen gegen vermutete Fälle von Zwangsarbeit und sexueller Ausbeutung, erklärte die NCA dieser Tage. »Wir waren geschockt von dem Ausmaß«, sagte der NCA-Beamte Will Kerr. »Das ist ein wachsendes Problem.« Dieses konzentriere sich dabei nicht auf eine bestimmte Region. Landesweit sei »jede größere Stadt« davon betroffen, glaubt Kerr.

Die meisten Opfer werden aus dem Ausland nach Großbritannien geschleust und dort zu Zwangsarbeit - häufig in Privathaushalten - oder zur Prostitution gezwungen, schreibt die Organisation Anti-Slavery International auf ihrer Webseite. Doch auch viele Briten landeten inzwischen in einer der Sklaverei ähnlichen Abhängigkeit.

Viele ausländische Opfer stammten aus armen Verhältnissen und würden mit der Aussicht auf einen gut bezahlten Arbeitsplatz ins Land gelockt. Hier angekommen, seien die Arbeitsbedingungen oft weitaus schlechter als beschrieben. Häufig würden die Betroffenen gezwungen, den Schleusern oder Vermittlern hohe Summen zu zahlen. Ihre Pässe würden ihnen abgenommen, sie und ihre Familien würden durch Gewalt und Drohungen gefügig gemacht.

Um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken, hat das Parlament in London 2015 den »Modern Slavery Act« verabschiedet, der hohe Strafen für Menschenhändler vorsieht. Ein Anti-Sklaverei-Kommissar, der dem Innenministerium unterstellt ist, befasst sich seitdem eingehend mit dem Problem. Kritiker bemängeln jedoch, das Gesetz sei zu stark auf Überwachung und auf Strafverfolgung ausgerichtet und gehe nicht ausreichend auf die Opfer ein.

Viele von ihnen würden von den Behörden als Straftäter behandelt, die gegen Einreisebestimmungen verstoßen hätten, und nicht als Opfer organisierter Kriminalität. Selbst Kevin Hyland, der Anti-Sklaverei-Kommissar, schätzt, dass nur ein Prozent der Opfer moderner Sklaverei eine Chance hätten, dass ihre Peiniger vor Gericht gebracht werden.

Bei Einsätzen im Mai und Juni dieses Jahres habe es 111 Festnahmen gegeben, 130 mögliche Opfer seien identifiziert worden, erklärte Will Kerr von der NCA. Immer mehr kriminelle Gruppen würden sich der immensen Profite bewusst, die sie durch den Menschenhandel erzielen könnten. So habe eine Gruppe aus Osteuropa fünf Millionen Euro im Monat verdient, indem Frauen und Mädchen in die Prostitution verkauft worden sind.

Premierministerin Theresa May hat vor wenigen Wochen bei der Vorstellung ihres Regierungsprogramms angekündigt, sich länderübergreifend für ein Ende des Menschenhandels einzusetzen. Konkrete Pläne allerdings legte sie bisher nicht vor.

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