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Nicht der Abstand ist der Abstand

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Das Wesen des Deutschen offenbart sich in seiner disziplinierten Nutzung des Warentrenners. Das kann ich beinahe jeden Tag aufs Neue erleben, wenn ich in einem Weddinger Discounter einkaufen gehe. Zugegeben, manchmal ist der Warentrenner von Nutzen, besonders wenn es voll an der Kasse ist. Aber gerade dann wird es am stressigsten, denn in der Regel ist der Warentrenner das Ding, an dem die Discounterkette spart, sprich, es gibt zu wenige für zu viele Kunden.

Man muss höllisch aufpassen, rechtzeitig von vorne einen gereicht zu bekommen, damit man sich nicht den Unmut des Hintermannes zuzieht. Stehen dagegen wenige Kunden an einem Band, so reicht es nicht aus, einen Abstand zwischen den Einkäufen zu lassen. Nicht der Abstand ist der Abstand, sondern der Warentrenner ist der Abstand. Es braucht also ein Ding, das anzeigt, dass es hier einen Abstand gibt. Keiner Nation, außer den Deutschen, liegt es so übermäßig am Herzen, mit einem Warentrenner auszusagen, das ist mein Einkauf, komm dem bloß nicht zu nahe.

Früher habe ich versucht, mit dem Warentrenner locker umzugehen. Ich benutzte ihn nicht, wenn ich keinen Anlass dazu sah. Ich bildete mir ein, dass viele Leute vor oder hinter mir das genauso sahen. Einmal aber hatte ich ein Erlebnis, das meinen Umgang mit dem Warentrenner veränderte.

Ich kam mit meinem Einkauf an eine Kasse, die gerade geöffnet wurde. Ich fuhr meinen Wagen nach vorne und packte meine Sachen auf das Band. Ich hatte nicht viel und drei Viertel des Bandes war leer. In diesem Moment dachte ich, es braucht keinen Warentrenner. Wenn jetzt ein anderer rankommt, wird er seine Sachen in die Mitte oder ans Ende legen. Es ist alles entspannt.

Plötzlich hörte ich, wie jemand von hinten rankam, und zwar dicht rankam. Ein Typ fuhr mir mit seinem Wagen beinahe in die Hacken und platzierte mit einer kräftigen Handbewegung den Warentrenner Millimeter hinter meinem Einkauf. In diesem Moment wurde mir klar, was dieses Stück Plastik aus uns Menschen gemacht hat. Kurz hatte ich den Gedanken, mich umzudrehen und zu sagen: »Meister, wir sind beide alleine an dieser Kasse. Lass uns doch einfach etwas Abstand, sagen wir 15 Zentimeter halten. Die Kassiererin wird schon merken, was dir und was mir gehört. Okay?« Aber ich verzichtete darauf. Ich ahnte, dieser Mann hinter mir hatte heute das Haus verlassen mit der Absicht, es jemandem zu zeigen und dieser jemand war ich.

Seitdem lege ich den Warentrenner auf das Band, egal wie die Lage ist. Bloß keinen Stress machen, bloß nicht aus der Rolle fallen. Aber oft erwische ich mich bei dem Gedanken, das Plastikding zu packen und auf all die stumpfsinnigen Warentrenner-Fetischisten einzuschlagen, die aufblühen, wenn Sie das Haus verlassen, den Discounter betreten und den Moment herbeisehnen, an dem sie ihren Mitmenschen die Grenzen aufzeigen können.

Aber es bleibt immerzu nur bei dem Gedanken.

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