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Gute Laune bei bleibenden Risiken

Das Bruttoinlandsprodukt stieg dank wachsender Nachfrage um 0,6 Prozent im zweiten Quartal

  • Von Simon Poelchau und Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 7 Min.

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Die Deutsche Wirtschaft wächst weiter. Das Bruttoinlandsprodukt legte im zweiten Quartal dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 0,6 Prozent zu, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag in einer ersten Schätzung mitteilte. Ausschlaggebend war, dass die Menschen hierzulande mehr Geld ausgeben. Sowohl die privaten Haushalte als auch der Staat konsumierten mehr. Auch die Unternehmen legten laut den Statistikern bei den Investitionen zu.

Für Konjunkturexperte Ferdinand Fichtner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ist die deutsche Wirtschaft damit »auch im zweiten Quartal deutlich gewachsen«. Ihm zufolge weisen die jüngsten Indikatoren zwar darauf hin, dass die Wirtschaft wohl bereits im laufenden Quartal etwas an Schwung verlieren wird. »Die Kapazitäten bleiben auf absehbare Zeit gut, aber nicht übermäßig stark ausgelastet - dies dürfte sich in allenfalls etwas schneller steigenden Preisen widerspiegeln«, beruhigt Fichtner.

Auch das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) ist weiterhin optimistisch. Trotz der Rückgänge bei Produktion und Exporten, die das Statistische Bundesamt für Juni vermeldete, ist den Ökonomen zufolge das Risiko gesunken, dass Deutschland in einer Rezession geraten könnte. »Nachdem sich Produktion und Exporte über mehrere Monate sehr stark entwickelt hatten, ist solch ein einmaliger Rückgang noch kein Indiz für eine ernsthafte Eintrübung. Schon gar nicht in einem Urlaubsmonat, wenn viele Unternehmen einen Gang herunterschalten«, erklärt IMK-Konjunkturexperte Peter Hohlfeld.

Die gute Entwicklung sei »kein Selbstläufer«, warnt jedoch der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Martin Wansleben. Ihm zufolge ist beim Breitbandausbau und bei der Verkehrsinfrastruktur »viel zu tun, wenn Deutschland als Standort attraktiv bleiben will«. Und für die Grünen-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, bleibt die »Schattenseite«, »dass diese Bundesregierung es nicht vermag, den wirtschaftlichen Aufschwung auch zu einem Wachstum der sozialen Gerechtigkeit werden zu lassen«. So seien trotz Aufschwung 2,5 Millionen Kinder von Armut bedroht, die Altersarmut auf 14,8 Prozent angewachsen und 7,6 Millionen Arbeitnehmer nur geringfügig beschäftigt.

Es bleiben also Baustellen und Risiken. Sechs solcher Stellen, wo es brenzlich für die Konjunktur werden könnte, hat nd-Autor Hermannus Pfeiffer unten zusammen gestellt: Die Produktion könnte besser laufen, die Löhne höher und Deutschland weniger abhängig von China sein. Zudem bleiben die Investitionen zu gering und auch der Staat wird wegen seiner Wirtschaftspolitik international kritisiert.

Darüber hinaus bleiben weitere Risiken. So droht eine Immobilienblase. Auch der Zustand einiger großer privater und öffentlicher Banken gilt als heikel. Und der Diesel-Skandal und der internationale Rückstand bei der Entwicklung von emissionsarmen Fahrzeugen gefährdet die Autoindustrie. Ein Blick nach Südeuropa oder Afrika zeigt allerdings, dies sind Risiken auf hohem Niveau. In diesem Sommer gibt es bislang kein Indiz für eine ernsthafte Eintrübung der Stimmung in der Wirtschaft. Es besteht aktuell keine Rezessionsgefahr. Doch die Zukunft wird bereits heute gemacht.

Auftragseingänge

Diese Zahlen sind »sicherlich eine Enttäuschung«, klagen Bankanalysten. Gemeint ist die trotz bester Stimmung bei den Unternehmen im Juni gegenüber dem Vormonat um 1,1 Prozent gefallene Industrieproduktion. Dabei ging die Produktion sowohl in der Industrie im engeren Sinne als auch im Baugewerbe zurück. Nun sind solche Zahlen zwar saisonbereinigt, aber dennoch nur eine Momentaufnahme. So verbergen sich hinter dem Wirtschaftswachstum eine Reihe von Risikofaktoren. Ein Risikofaktor ist die aus Sicht der Unternehmen unbefriedigende Entwicklung der Auftragseingänge. Zwar legten diese zuletzt wieder ein wenig zu. Doch vom Hoch im Dezember mit 118 Punkten ist der Index der Auftragseingänge, den die Bundesbank erstellt, mit knapp 116 Punkten noch ein gutes Stück entfernt. Als Grund werden zwei Entwicklungen genannt. Die Schwäche der Schwellenländer und die langsamer als früher wachsende Weltwirtschaft. Beides bremst die Nachfrage nach deutschen Autos, Maschinen und Schweinefleisch.

Investitionen

Zu einem »großen Ausbruch« gehörten mehr Investitionen. Beispiel Niedersachsen: Jahrelang investieren große Industrieunternehmen wie VW oder Continental mehr Geld in ihre ausländischen Standorte als in den Erhalt hiesiger Standorte. Das unternehmensnahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) schreibt in einer Studie von einer »schleichenden Aushöhlung des Kapitalstocks«. Die hochprofitablen Unternehmen investieren zwar lieber in Forschung und Entwicklung als früher, nicht aber in Maschinen und Anlagen. Die beste Zukunftsvorsorge neben Investitionen wäre Bildung. Doch viele Ausbildungsplätze in Industrie, Handwerk und Verwaltung werden nicht besetzt, auch, weil es an geeigneten Kandidaten fehlt. Die Ausbildung an den Universitäten entspricht aus Unternehmenssicht nicht den Anforderungen. Inzwischen bleiben viele »gute« Stellen unbesetzt. So nennen laut dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK)drei Viertel der Baubetriebe den Fachkräftemangel als Risiko für ihre wirtschaftliche Entwicklung.

Nachfrage

Nicht allein die außenwirtschaftlichen Bedingungen sind »volatil« (lat., schwankend). Auch im Inland stottert die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen. Nur langsam sorgen höhere Tarifabschlüsse dafür, dass mehr Geld in den Taschen der Verbraucher ankommt und die Nachfrage steigt. »Tarifbeschäftigte erzielen auch in diesem Jahr wieder reale Lohnzuwächse«, sagt der Tarifexperte des gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI), Thorsten Schulten. »Aufgrund der höheren Inflationsrate fallen diese jedoch deutlich geringer aus als 2016.« Bei den Tariflöhnen ergibt sich im ersten Halbjahr real ein Plus von 0,9 Prozent. Im Vorjahr waren es hingegen 1,9 Prozent. Auch die wachsende Beschäftigung bringt zu wenig Nachfrage, da sie häufig in niedrigeren Einkommensgruppen erfolgt. Das Problem ist mittlerweile so dringend, dass selbst Institutionen wieder der Internationale Währungsfonds IWF höhere Löhne und Gehälter in Deutschland anmahnen.

Staat

»Trotz internationaler Kritik und politischer Willensbekundung sind die öffentlichen Investitionen in Deutschland in den letzten zwei Jahren nur moderat gestiegen«, analysiert die Deutsche Bank. Immerhin erwarten die Analysten, dass die öffentlichen Investitionen in absehbarer Zeit spürbar zulegen. So liegen die derzeitigen Investitionsplanungen des Bundes 40 Prozent über jenen, die noch 2013 verabschiedet wurden. Allerdings dürften ausgeprägte Kapazitätsengpässe beispielsweise in der Bauindustrie verhindern, dass es schnell zu höheren Aktivitäten kommt. Neben den fehlenden Kapazitäten behindern auch mangelnde Planungs- und sowie komplexe Genehmigungsprozesse sowie komplizierte öffentliche Finanzbeziehungen schneller steigende öffentliche Investitionen. »Damit bewegen wir uns wieder auf das alte Muster zu: Die deutsche Wirtschaft hängt wesentlich am Welthandel, mit all seinen Unwägbarkeiten in Zeiten von Trump und Brexit«, heißt es beim Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung.

China

Der wunde Punkt der deutschen Wirtschaft ist ihre extreme Abhängigkeit vom Export. Die Außenhandelsquote ist höher als in jedem anderen G20-Land: Exporte plus Importe betragen laut Welthandelsorganisation 87 Prozent des hiesigen Bruttoinlandsprodukte. Vor allem strategisch zentrale Bereiche wie Auto, Maschinenbau und Logistik hängen am Tropf Chinas, Deutschlands wichtigstem Geschäftspartner. Volkswagen verkauft nach Expertenschätzungen dort über 40 Prozent seiner Fahrzeuge. »Wenn China Husten hat, kriegen wir die Grippe«, heißt es im Hamburger Hafen. Jeder dritte Container kommt aus der oder geht in die Volksrepublik. Man stelle sich die Erschütterungen vor, wenn in China das Wirtschaftswachstum zum Stillstand kommen sollte. »Eine Entwicklung«, schreibt Wirtschaftsnobelpreisträger Angus Deaton, »die bei einem Blick in die Geschichte durchaus zu erwarten ist«. Zwar befindet sich nämlich Chinas Wirtschaftswachstum noch auf hohem Niveau, doch geht es seit längerem schon zurück.

Wirtschaftspolitik

Die deutsche Wirtschaftspolitik wird international weiterhin stark kritisiert. Stein des Anstoßes ist meist der hohe Leistungsbilanzüberschuss, der 2016 absolut und relativ zur Wirtschaftsleistung der höchste unter den großen Industriestaaten war. Der Internationale Währungsfonds oder die EU-Kommission fordern mehr öffentliche Investitionen, vor allem in Infrastruktur, Energie und Bildung. Der Staat hat zu wenige ErzieherInnen und LehrerInnen ausgebildet. »Ein anhaltender Investitionsstau ist insbesondere auf kommunaler Ebene zu verzeichnen, wo die Nettoinvestitionen auch 2016 negativ blieben«, heißt es etwa in der Empfehlung Brüssels für Deutschland. Dabei deute die »günstige Haushaltslage« darauf hin, dass »finanzpolitischer Spielraum« vorhanden sei für die Ausweitung öffentlicher Investitionen auf allen Ebenen. Stärkere öffentliche Investitionen könnten den Aufschwung nachhaltiger machen, das langfristige Wachstumspotenzial erhöhen und die scharf kritisierten großen Überschüsse in der deutschen Leistungsbilanz reduzieren. hape

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