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Schilf im Freibad und Hoffnung auf einen Lebensmittelladen

Die Brandenburgische Bodengesellschaft hat einen Investor für den alten Fliegerhorst in Schönwalde-Glien an der Angel

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

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Nach knapp einer Stunde Rundgang auf dem Areal des alten Fliegerhorsts in Schönwalde-Glien ruft Finanzminister Christian Görke (LINKE) am Donnerstag: »Ich will hier raus!« Die Liegenschaft am nordwestlichen Stadtrand von Berlin befindet sich im Feuchtgebiet Teufelsbruch. Dieses Jahr gibt es eine besonders schlimme Mückenplage. Görke hat sich eingesprüht. Doch es hat nichts genutzt. Verzweifelt fuchtelt der Minister mit beiden Armen, um die Biester abzuwehren. Auch dies vergeblich. Doch er hält noch ein bisschen aus.

»Du hast zu süßes Blut«, frotzelt Bürgermeister Bodo Oehme (CDU). Oehme kennt die Geschichte des Standorts, den die faschistische Wehrmacht als Fliegerschule für 3000 Piloten nutzte. Dann kamen die sowjetischen Truppen mit bis zu 8000 Soldaten. Panzer und Hubschrauber waren hier zwischenzeitlich stationiert, auch ein Lazarett gab es mal. Für die deutschen Anwohner bedeutete dies Beschäftigung als Zivilangestellte und in der Hungerperiode direkt nach dem Zweiten Weltkrieg auch die Möglichkeit, an Lebensmittel und andere knappe Dinge zu gelangen. »Mein Onkel arbeitete für die Russen und hatte abends Kohlen in den Taschen«, erzählt Oehme. Er weiß auch noch genau, dass das Freibad auf dem Kasernengelände Anfang der 1990er Jahre noch in einem tadellosen Zustand war. Jetzt ist es halb leer, im tieferen Bereich nur mit Regenwasser gefüllt. Dort wächst sogar Schilf. Mal sehen, was der Investor aus dem einstigen Schmuckstück macht. Ja, es gibt nun endlich einen Investor, der 67 Hektar inklusive Start- und Landebahn, Tower, zwei denkmalgeschützten Hangars und Offiziersquartieren kaufen will.

Wen die Brandenburgische Bodengesellschaft (BBG) hier an der Angel hat und wie viel er bezahlen soll, das möchte Geschäftsführerin Andrea Magdeburg nicht verraten. Doch der Haushaltsausschuss des Landtags soll den Grundstücksdeal demnächst zur Prüfung vorgelegt bekommen, und dann könnte der Vertrag noch im laufenden Jahr abgeschlossen werden.

Wohnungen für 500 bis 1000 Menschen sollen entstehen. Das ist eine Menge für eine Gemeinde, die im Moment 9760 Einwohner zählt plus 500 Menschen, die hier ihren Zweitwohnsitz haben. Auch jetzt schon wächst Schönwalde-Glien stetig - wegen der Nähe zu Berlin und der Wohnungsnot in der Hauptstadt. Der angespannte Wohnungsmarkt in der Metropole ist auch der Grund, warum aus dem bisherigen Restposten Fliegerhorst Schönwalde nun plötzlich ein Filetstück geworden ist. »Es gibt eine Nachfrage, die 20 Jahre lang nicht bestanden hat«, erläutert BBG-Chefin Magdeburg. Der Berliner Bezirk Spandau ist nicht weit weg und durch eine Buslinie angeschlossen.

Die Gemeinde hat finanziell von dem Deal vordergründig nichts, denn das Grundstück gehört dem Land. »Nur Kosten«, posaunt Bürgermeister Oehme. Denn wenn junge Familien zuziehen, muss er beispielsweise für zusätzliche Kitaplätze sorgen. Doch ganz geht diese pessimistische Rechnung nicht auf. Finanzminister Görke verweist darauf, dass mit der Einwohnerzahl die Schlüsselzuweisung vom Land steigt. Schließlich fließt dann mehr Einkommenssteuer. Das weiß der Bürgermeister selbst.

Und es besteht die Hoffnung, dass die neuen Wohnungen vielleicht dazu führen, dass sich in Schönewalde-Dorf ein Lebensmittelgeschäft oder wenigstens ein Kiosk ansiedelt. Denn unter den gegenwärtig 1000 Bewohnern des Ortsteils sind viele alte Bürger. »Die können hier nicht einmal ein Stück Butter kaufen«, beklagt Maurermeister Lothar Lüdtke, der sich mit seiner Baufirma und 40 Mitarbeitern nach der Wende am Rand des Fliegerhorstes niederließ. Auch ein Toilettenvermietungsservice und andere Firmen sind auf eigene Kosten vom Ortskern hierher umgezogen. Nachbarn hatten sich über Lärm und Geruchsbelästigung beschwert. Doch dass die Firmen ganz abwandern, dass wollte die Gemeinde verhindern, sagt Bürgermeister Oehme.

Der Fliegerhorst erstreckte sich auf 215 Hektar. Einige Bereiche sind inzwischen als Naturschutzgebiet tabu. Doch für andere Bereiche gibt es einen Bebauungsplan, der eine Mischnutzung für Wohnen und Gewerbe vorsieht. Schon da ist ein Containerdorf, das als Asylheim dient.

100 000 Hektar mit alten Truppenübungsplätzen, Kasernen, Militärflugplätzen und Radarstationen hat das Land Brandenburg nach dem Abzug der Streitkräfte übernommen. Über 90 000 Hektar sind inzwischen für einen zivilen Zweck vermarktet. Der Fliegerhorst war anfangs kein Verkaufsschlager, doch jetzt scheinen hier nur noch die Mücken Probleme zu bereiten.

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