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Liebesentzug für Hannover 96

Klubpräsident Kind will die 50+1-Regel kippen. Die Fans reagieren mit Stimmungsboykott

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Wer in dieser Saison ein Spiel des Bundesligisten Hannover 96 besucht, dem wird zunächst vor allem eines auffallen: Stille. Anfang des Monats beschloss die Fanszene des Klubs, die Spiele ihres Vereins zu boykottieren. Viele Ultragruppen fahren gar nicht mehr ins Stadion. Und all jene, die trotzdem kommen, sonnen sich auf den Tribünen oder schauen desinteressiert auf ihr Smartphone. Und sie bleiben völlig stumm - keine Fangesänge, kein Applaus für die Mannschaft. Der Stimmungsboykott der 96er Fans ist die Reaktion auf die von Klubchef Martin Kind geplante Komplettübernahme der Profimannschaft und auf 119 abgelehnte Mitgliederanträge von Fans, die sich Kind gegenüber kritisch geäußert hatten.

Das Verhältnis zwischen Vereinspräsident Kind und den Fans ist seit Langem angespannt. Mit provokanten Äußerungen in der Öffentlichkeit machte sich der Unternehmer in der Fanszene schnell unbeliebt. Ex-Spieler Didier Ya Konan unterstellte er nach einer Verletzung einst Bequemlichkeit und Übergewicht, Teile der Fanszene bezeichnete der 73-Jährige in den Medien als «Arschlöcher». Die fachliche Kompetenz des gelernten Hörgeräteakustikers wird dabei des Öfteren in Frage gestellt, ebenso seine Personalentscheidungen.

Kind ist zudem ein Gegner der sogenannten 50+1-Regel und versucht seit Jahren, diese für Hannover 96 zu kippen. Die in der Bundesliga geltende Regelung besagt, dass die Mehrheit an der Profiabteilung, also 50 Prozent und ein weiterer Stimmenanteil, beim Verein bleiben muss. Sie wurde als Schutzmaßnahme vor einem zu großen Einfluss privater Investoren auf die Bundesligisten eingeführt. Die einzigen Ausnahmen sind die Werksvereine VfL Wolfsburg und Bayer Leverkusen, bei denen die Investoren schon seit mehr als 20 Jahren in den Verein investieren.

Martin Kind erreichte 2011 vor Gericht eine Änderung der Regelung und damit einen Teilerfolg. Nun können sich alle Investoren, die sich mehr als 20 Jahre für einen Verein engagieren, über die 50+1-Regel hinwegsetzen, die Stimmenmehrheit an den Bundesligamannschaften übernehmen und die Anteile gegebenenfalls auch an Dritte verkaufen - so bereits geschehen bei der TSG Hoffenheim.

Das sind die aktuellen Pläne von Kind: Noch in dieser Saison will er Hannover 96 von Investoren, einer von Vier ist er selbst, übernehmen lassen und sich bis 2019 von seinem Posten als Präsident zurückziehen. Doch zunächst musste er die Ausnahmegenehmigung der 50+1-Regel bei der Deutschen Fußball-Liga (DFL) beantragen. Der Aufsichtsrat des Klubs stimmte Ende Juli zu, die entscheidenden Anteile an den 73-Jährigen abzutreten. Den Übernahmeplänen von Kind steht faktisch also nichts mehr im Wege.

Die Fanvereinigung Pro Verein versuchte bereits in der Vergangenheit, die Aufhebung der 50+1-Regelung bei Hannover 96 zu verhindern. Im Zuge der Antragstellung Kinds bei der DFL unterstellt Pro Verein vor allem die Nichteinhaltung von Mitgliederbeschlüssen. Auf einer Versammlung im April sei mit großer Mehrheit beschlossen worden, dass die Vereinsmitglieder über den Antrag zur Ausnahmegenehmigung abstimmen können, erklärte Pro Verein gegenüber «nd». Darüber habe sich Kind jedoch später hinweggesetzt. Des Weiteren sie die Summe, die er an den Verein zahlen soll, «lächerlich gering». Statt des durch ein Gutachten bestätigten Werts im zwei- bis sogar dreistelligen Millionenbereich, soll Kind für die Mehrheitsanteile an der Profiabteilung gerade einmal 12 750 Euro auf den Tisch legen müssen.

Die Fanvereinigung sorgt sich um die Zukunft ihres Klubs. «Der Verein geht ein extremes Risiko ein. Er trennt sich mit der Loslösung von 50+1 vollständig vom Profifußball und übrigens auch von seinen Nachwuchsmannschaften, so Pro Verein gegenüber »nd«. »Wenn der Verein aber nichts mehr mit dem Fußball zu tun hat, der nun einem Privatmann gehört, geht Identifikation verloren.«

Aus dem Vereinsvorstand von 96 heißt es hingegen: »Durch die Ausnahmeregelung von der 50+1-Regel sichert sich Hannover 96 in der Bundesliga einen Wettbewerbsvorteil.« »Für ausländische Investoren« sei bei Hannover 96 auch ohne die 50+1-Regel kein Platz, wird versichert. Pro Verein ist da anderer Ansicht: »Am Ende einer solchen Diskussion gibt es nur einen, der davon profitiert. Martin Kind würde, quasi über Nacht, für eine lächerlich geringe Summe aus seinen stimmlosen Anteilen am Profigeschäft Stimmanteile machen.«

Die Fans warten nun die Entscheidung der DFL ab. Sie fordern von dem Verband, dass mit Kind kein »Deal hinter den Kulissen« abgewickelt wird. »Wenn die DFL ihre eigenen Regeln als Maßstab nimmt, dann kann eine 50+1 Ausnahme für Martin Kind in diesem Jahr nicht genehmigt werden«, so Pro Verein. Bis die Entscheidung fällt, wird die Kurve jedenfalls schweigen.

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