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Der indiskrete Charme der Bourgeoisie

Eröffnung der Ruhrtriennale mit einer Inszenierung von Debussys »Pelléas et Mélisande«

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Bei der Ruhrtriennale sind die Spielorte immer schon ein Teil der Dramaturgie. Was Gerard Mortier vor 15 Jahren im Ruhrpott installierte, hat sich für die Jahrhunderthalle in Bochum (und all die anderen ehemaligen Kathedralen des Industriezeitalters) ausgezahlt. Sie sind keine verfallenden Ruinen mehr, sondern Orte für die Künste geworden. In diesem Jahr ist der Niederländer Johan Simons zum letzten Mal der Intendant für drei Jahre - der Schweizer Christoph Marthaler wird ihm nachfolgen, andere Schwerpunkte setzen und sein Programm aus allen Genres darum bauen.

Zum Auftakt des aktuellen Jahrgangs haben der polnische Regisseur Krzysztof Warlikowski und der Stuttgarter Generalmusikdirektor Sylvain Cambreling Debussys »Pelléas et Mélisande« weniger auf die Bühne gebracht als in die Weite der Jahrhunderthalle imaginiert. Die bietet den Charme einer zusätzlichen Verfremdung, aber auch die Herausforderung, mit den puren Entfernungen und der Akustik so umzugehen, dass ein Gesamtkunstwerk dabei herauskommt, das mit dem Produktionsort Opernhaus konkurrieren kann. Wenn hier das Verdämmern des Tageslichts durch die riesigen Fenster und das unüberhörbare Trommeln des nächtlichen Regens hinzukommen, dann fügt sich das in diesem Falle ganz wie von selbst ein.

Da der Regisseur und der Dirigent dieses Abends beide eine besonders enge Beziehung zu Mortier hatten, kommt noch eine sozusagen melancholische Komponente hinzu, die an den Erfinder dieses Unternehmens erinnert, das Brücken zwischen industrieller Vergangenheit und postindustrieller Gegenwart schlägt, beispielhaft gewachsen ist und auch »sein« Publikum hat. Bei der politischen Spitze des Bundeslandes jedenfalls steht zumindest die Eröffnung im Kalender - sogar in Jahren, in denen kein Wahlkampf herrscht.

Diesmal also, nach einer Festrede von Herta Müller, der französische Gegenentwurf zu Wagners Tristan - Debussys Meisterwerk. Dieser fließende Musikstrom mit den gelegentlichen Ausbrüchen, dieses Wabern der Anspielungen und des mitschwingenden doppelten Bodens. Die Bochumer Symphoniker sind an der Stirnseite der Halle vor einer Fensterfront aufgebaut und von einer geschwungenen Treppe (die wie ein Art- déco-Rahmen wirkt) umgeben. Darüber ein Riesenbildschirm für Ankündigungen der eigentlichen Orte der Handlung und für Liveaufnahmen. Über einen zweiten Bildschirm über einem Bartresen (mit vollem Angebot) flimmern Szenen von Demos in Polen, aus Hitchcocks Klassiker »Die Vögel« oder aus einem Schlachthaus. Das Ambiente dazwischen und die Kostüme der Familie des Königs Arkel (sonor und mitfühlend Franz-Josef Selig) ist großbürgerlich. Man marschiert auf, genießt, platziert sich wie beim Hauskonzert in der ersten Reihe vor den Musikern, nimmt an einer großen Tafel Platz, lässt vom reichlich vorhandenen Personal servieren. Für die Contenance fühlt sich vor allem Geneviève (Sara Mingardo) zuständig. Dass Mélisande hier nicht reinpasst, ist vom ersten Augenblick an klar.

Der mit seinem Hipsterbart streng wirkende und sich als Supermacho gebärdende Golaud (Leigh Melrose) hatte dieses geheimnisvoll unberechenbare, zerbrechlich zähe Zauberwesen nicht (wie eigentlich vorgesehen) verwundet im Wald, sondern zugedröhnt oder »nur« betrunken nachts an der Bar aufgegabelt, begehrt, im Waschraum nebenan mit einem Quickie »in Besitz genommen«. Klar, dass sie dann allein schon mit einer Zigarette beim Essen provoziert und auf die Avancen des jungenhaft sensiblen Pelléas (Phillip Addis) eingeht, zumindest risikobereit damit spielt.

Für die kanadische Ausnahmesopranitin Barbara Hannigan ist Mélisande (wie die Lulu) die Steilvorlage für ein Kabinettstück, in dem sie brillanten, lupenreinen Gesang mit einer atemberaubend genauen, bis ins Artistische gehenden psychologischen Studie verbinden kann. Diese Sängerdarstellerin ist für jeden Regisseur mit Ambition ein Glücksfall. Sie wird gleichsam von selbst zum Zentrum dieser spannenden und alles in allem gelungenen Hinterfragung von Debussys Meisterwerk am ungewöhnlichen Ort.

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