Das Gefühl, nirgendwohin zu gehören

Szilárd Borbély war, wie Kafka, ein Verlorener, ein Zerissener

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Als im Herbst 2014 der Roman »Die Mittellosen« auf Deutsch erschien, war Szilárd Borbébly bereits tot. Der wohl wichtigste ungarische Autor der letzten Jahre nahm sich im Februar 2014 das Leben. Sein neues, aus dem Nachlass herausgegebenes Buch, »Kafkas Sohn«, hatte er bereits zum Druck vorgesehen, es fehlte nur noch die letzte Überarbeitung. Es ist ein Buch, das fragmentarisch und in kurzen Texten das Leben und die Themen Franz Kafkas aufnimmt, variiert und - mit Borbélys eigenen Reflexionen versehen - neu erzählt.

Borbély war, wie Kafka, ein Verlorener, ein Zerissener, der sich »auf den Flügeln der Worte auf den Weg machte«. Der in einem Land lebte, »in dem er als Person nirgendwohin gehörte und in dem er - aus Gründen, für die er nichts kann - nirgendwohin gehören würde«. In »Die Mittellosen« hatte Szilárd Borbély seine Kindheit in der feindlichen Umgebung eines abgelegenen ungarischen Dorfes beschrieben. Auch »Kafkas Sohn« ist eine Auseinandersetzung mit dem Gefühl der Unzugehörigkeit.

Wie Kafka hat sich Borbély für das Judentum interessiert. Aber genauso wie der Prager Autor findet er dort keine Antwort auf seine Fragen. »Ich weiß, auch die Thora ist voller Geschichten. Es sind aber Geschichten Gottes, doch gerade Gott kann ich nirgends finden. Deshalb muss ich Geschichten erzählen, um ihn zu finden. Und da ich nicht weiß, wie man Geschichten erzählen muss, finde ich nirgends den, dem ich die Geschichten erzählen könnte, die meine Geschichten sind.«

Viele der Texte aus »Kafkas Sohn« enthalten diese Art von Paradox. Sie sind Kafkas Erzählungen und Parabeln nachempfunden und umkreisen in einer unendlichen Bewegung mögliche Antworten auf existenziellen Fragen des Autors.

Daneben aber nimmt Borbély in »Kafkas Sohn« auch die Außenperspektive des interpretierenden Biografen ein. Ganz zu Anfang schreibt er, dass er mit seinem Buch davon erzählen will, »wie in Osteuropa Söhne zu Vätern werden und die Vorwürfe vergessen, die sie in der Kindheit und Jugend gegen die Welt der Väter vorbrachten. Wie sie die zur Faust geballte Hand vergessen, die sie in der Jugend gegen die Welt der Väter erhoben und unter Flüchen schütteln. Wie sie nicht viel später mit diesen Fäusten jene zu blutigen Fleischfetzen schlagen, die die Fäuste gegen sie erheben, während sie selbst schon erlahmen und untertänig nach den Almosen greifen, die ihre Herren ihnen zuwerfen.«

Die Geschichte von Hermann Kafka, der sich aus der Armut des jüdischen Schtetl bis zum erfolgreichen Prager Kaufmann emporgearbeitet hatte, erscheint Borbély für sein Vorhaben beispielhaft. Er versucht Mentalität und Charakter des ungeliebten Vaters mit dessen harter osteuropäischer Vergangenheit zu erklären.

In dem fiktiven »Brief an den Sohn« macht der Vater dem Sohn Vorwürfe ganz in der Form von Kafkas berühmtem »Brief an den Vater«. »Warum streifst du durch dunkle ärmliche Gassen«, heißt es dort, »in Prag gibt es keine Ghettos mehr. Warum willst du zurück ins Ghetto, aus dem herauszukommen unsere Vorfahren Jahrhunderte gebraucht haben. Ich will nicht zurück ins Ghetto. Das Ghetto ist in uns, wir haben so lange darin gelebt, dass es in uns eingezogen ist.«

Wie »Die Mittellosen« macht auch »Kafkas Sohn« deutlich, welches Talent Ungarn mit dem Tod Szilárd Borbélys verloren hat. Borbély gelingt es hier, den Geist des Prager Autors aufzunehmen und kritisch weiter zu schreiben. »Kafkas Sohn« stellt die existentiellen Fragen nach Gott, Zeit und Tod. Die Antworten auf diese Fragen versucht sich das Buch immer wieder mit Parabeln, Reflexionen und der biografischen Erfahrung von Kafkas Vater zu nähern. Ein Buch, das der »transzendentalen Heimatlosigkeit« einen Ausdruck gibt.

Szilárd Borbély: Kafkas Sohn. Roman. Aus dem Ungarischen von Heike Flemming und Laszlo Kornitzer. Suhrkamp, 200 S., geb., 24 €.

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