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Nahkampf auf dem Asphalt

Die Sperrung der Potsdamer Brücke ist symptomatisch für die Stimmung auf den Straßen

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Die Vollsperrung der Potsdamer Brücke für den motorisierten Verkehr sorgt für Diskussionen. »Sowohl Innensenator Andreas Geisel (SPD) als auch Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) müssten sich darum kümmern, dass Busfahrgäste nicht die Leidtragenden der Undiszipliniertheit von Autofahrern sind«, sagt Jens Wieseke, Sprecher des Fahrgastverbands IGEB. Bis Mittwoch konnten noch die stark genutzten Buslinien M48 und M85 die Brückenbaustelle passieren. Doch weil Autofahrer sich nicht an das eindeutig ausgeschilderte Durchfahrverbot hielten, sah die Verkehrsverwaltung »keine andere Möglichkeit als die Vollsperrung«, wie sie mitteilt. Die beiden Linien sind nun unterbrochen. Fahrgäste müssen ersatzweise drei Stationen mit der U2 fahren.

»Mir ist kein Fall aus meiner mehr als 20-jährigen Karriere bekannt, wo es so viele Disziplinarverstöße gab«, sagt Jörg Becker, Verkehrsexperte des Autoclubs ADAC Berlin-Brandenburg. Gutheißen wolle er das Verhalten der Autofahrer keineswegs, allerdings sieht er auch eine Mitschuld des Senats. »Es gab zu wenig erläuternde Öffentlichkeitsarbeit über den Sinn der Maßnahme«, findet Becker. »Solange die Verkehrspolitik des Senats weiter polarisiert, wird es auch keine positiven Auswirkungen auf die Verkehrsmoral geben«, erklärt der Autolobbyist.

»Es gibt endlich kein Chaos mehr«, sagt Polizeisprecher Thomas Neuendorf. Die Polizei hätte es nach seinen Worten personell nicht leisten können, die Stelle 24 Stunden am Tag mit mehreren Beamten zu überwachen. »Als wir mit Beamten vor Ort waren, haben wir innerhalb kurzer Zeit 60 Verwarnungen ausgesprochen«, berichtet Neuendorf. Das unerlaubte Benutzen einer Busspur kostet aber auch nur 15 Euro - für viele Autofahrer offenbar wenig abschreckend. »Allerdings hat das für die Verkehrssicherheit auch nichts gebracht, weil wir die Fahrer dort nicht abhalten könnten, regelwidrig die Brücke zu nutzen«, erklärt Neuendorf. Generell sei es für Kollegen häufig sehr schwierig, Autofahrer daran zu hindern, in wegen Einsätzen gesperrte Straßen einzufahren.

»Wir haben uns eigentlich im Koalitionsvertrag darüber verständigt, dass die Straßenverkehrskontrollen verstärkt werden sollen«, sagt Grünen-Verkehrsexperte Harald Moritz. »Da sind wir wohl noch nicht so weit«, räumt er ein. Es bleibe eine dringliche Aufgabe, die Personalsituation bei Polizei und Ordnungsämtern zu verbessern, um durch entsprechende Kontrollen Regelverstöße im Verkehr zu ahnden. In Friedrichshain-Kreuzberg, so rechnete der dortige Ordnungsamtsleiter Joachim Wenz unlängst vor, könne er rechnerisch nur einmal alle zwei Wochen für wenige Stunden Mitarbeiter in die Oranienstraße schicken, um dort die vielen Falschparker zu verwarnen.

»Im Autoland Deutschland tut sich die Politik extrem schwer damit, die Verkehrsmoral in den Griff zu bekommen«, sagt Heinrich Strößenreuther, Initiator des Fahrrad-Volksentscheids. Er beklagt, dass in vielen Bereichen die Übertretung von Verkehrsregeln einfach hingenommen werde. So werde das für Radler oft gefährliche Parken von Lieferfahrzeugen in der zweiten Reihe kaum geahndet.

»Eine kreative Auslegung der Straßenverkehrsordnung ist in Berlin geradezu selbstverständlich geworden«, beobachtet Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer. Viele Verkehrsteilnehmer träfen eine Art Güterabwägung: Wie hoch ist die Chance, erwischt zu werden, und wie hoch die Strafe, um im Gegenzug vielleicht fünf Minuten schneller am Ziel zu sein? »Die Kontrolldichte wird sich realistisch betrachtet kaum wesentlich erhöhen lassen«, sagt Brockmann. Er plädiert für eine deutliche Erhöhung der Bußgelder. »Die Missachtung der Umweltzone ist wesentlich teurer als das verkehrsgefährdende Verhalten an der Potsdamer Brücke«, so der Unfallforscher.

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