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Job-ABC, heute: Pförtner

  • Von Andreas Gläser
  • Lesedauer: 3 Min.

Ich habe 15 Monate gesessen, als Bühneneingangsmitarbeiter in einem Theater. Aber das Elend ist verjährt, ich beginne mit den Vorteilen: Das Geld genügte, zumal ich keine Zeit hatte, welches auszugeben. Der Dienst wurde in ziviler Kleidung absolviert, ich musste nicht wie ein verkleidetes Äffchen im Kabuff hocken. Das waren die Vorteile. Die Schicht dauerte von 6 bis 18 Uhr oder von 18 bis 6 bzw. 22 bis 6 Uhr. Draußen gingen die Sonne oder der Mond auf oder unter. Ich sah die Kollegen der Büros und Bühnen kommen und gehen. In einer Tour klingelte das Telefon, weil viele Interessenten lieber erst den »Pförtner in der Zentrale« ärgerten, anstatt die Kassen-Madame anzuklingeln. Je gefragter die Karten waren, umso später kamen die großen Redner am anderen Ende der Leitung zum Wesentlichen. »Ich bin Herr Doppelvorname Doppelzuname aus Hamburg, ein langjähriger Besucher Ihres Hauses; ich kenne auch, äh, bin aber nur für zwei Tage in Berlin ….« - »Stopp! Sie wollen eine Karte für die Premiere, ich verbinde.« - »Nein, zwei.«

Unter uns hieß es, das Theater findet nicht nur auf der Bühne statt, sondern im ganzen Haus. Das spürte ich schon bei der täglichen Vergabe der 222 Schlüssel, die nicht nummeriert worden waren; die 333 Berechtigten trugen kein Namensschildchen, oft sagten sie gar nichts. Nur einige Praktikanten zeigten ihren Ausweis. Es wäre von Vorteil gewesen, wenn ich in kürzester Zeit alle Menschen ihren Tätigkeiten hätte zuordnen können. Immerhin kannten sich in dieser Brecht-Bude doch alle seit Jahren. Ich habe Namens-Alzheimer und erkannte nicht mal den zerknitterten Top-Schauspieler, wenn er vor meiner Luke stand, mit einem Schal vor dem Mund und der Mütze im Gesicht. Fehlte nur noch die Sonnenbrille. »Können Sie mir ein Taxi rufen?«, schnarrte es über die Sprechanlage. »An der nächsten Kreuzung ist ein Stand.« Heiliger Heiner, was hatte ich da geantwortet? Und wer bezahlte die täglichen Taxen für all die Theatertäubchen überhaupt, etwa der blassrote Maxi-Müller? Egal. Ich musste mich um die tückische Brandmeldeanlage kümmern. Warum hatte mir der Theatermeister noch nicht die Linien übermittelt, die während der neuen Vorstellung rausgenommen werden? Würde das ehrwürdige Haus während meiner Schicht abfackeln? Interessanter Beruf. Der Brandschutzwachenfeuerwehrmann hielt sich raus.

Schön waren die Verschlussrundgänge während der Nachtschicht, in mehreren Gebäuden, jeweils vom Dachboden bis zum Keller. Fast zwei Stunden. Bühnen, Gänge, Werkstätten. In einer dieser Räumlichkeiten tot von der Frühschicht entdeckt zu werden, wäre ein klassisches Pförtnerfinale gewesen. Jedenfalls besser, als beim Nachtprogramm während eines Hitler-Specials zu verenden. Ich hatte immer was zu meckern. Deshalb hatte es der fröhliche Frühling in sich: Gespräch, Abmahnung, Kündigung. Ein netter Anwalt wollte mich im Rennen halten. Ich favorisierte die neue Freiheit, die ungewisse Zukunft.

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